Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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mit Wort und Lied mitten im Strome gestanden. Als die bleischwere Luft der Reaction die Poesie in den romantischen Süden und in den Orient trieb, und als es schien, die Zeit der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wollten sich wiederholen; als bei Rückert der Accent»sich immer mehr von Freimund auf Reimar verschob«, blieb Uhland mit ächt »schwäbischer Zähigkeit« an dem heimathlichen Boden haften. Wie er der einzige Dichter jener Zeit ist, der mit dem patriotischen Lied auch die politische That verband, gleicht seine durchaus epische Natur der mittelalterlichen Volksdichtung, welche das Vaterland und seine Helden preist, während die höfische Dichtung ihre Streifzüge durch das ganze romantische Ausland bis in den Orient ausdehnt, und Fremdes auf den heimischen Boden zu verpflanzen sucht; so wiederholt sich das alte Spiel in anderer Zeit und in anderen Formen. Das Ausland liefert glänzendes, schimmerndes Geräthe in seltsamen, wunderlichen, bisweilen überraschenden Formen. Sie wurden angestaunt und bewundert; sie bestachen den Geschmack durch ihre Schönheit, aber sie drangen nicht in das Herz des Volkes; sie reizten den Sinn, aber sie stillten nicht den Hunger nach einer nahrhaften Kost, an welcher der nationale Sinn des Volkes sich zu stärken sehnte. Unter- dessen grub Uhland nach den Schätzen seines engeren Vaterlandes. Zugleich spürte er nach dem Wehen des ungefesselten deutschen Volksgeistes in der Dichtung und Sage des deutschen Alterthums; doch hielt er lange mit seinen gefundenen Schätzen zurück. Der studirenden Jugend theilte er dieselben zuerst mit; unter seinen Vorlesungen steht zu oberst die Erklärung des Nibelungenliedes. Als dieser Weg der Mittheilung sich ihm verschloss, betrat er zögernd die Bahn der schriftlichen Publikation. Damit tritt er in die Reihe der Beförderer einer wissen- schaftlichen Erforschung des Mittelalters. Doch auch sein poetisches Schaffen bewegte sich fort- während auf diesem Gebiet. Er fühlte, dass es der nationalen Dichtung vorzugsweise an einem nationalen epischen Hintergrunde mangele. Darum»suchte er diesen, den er in der Geschichte nicht fand, in der verdrängten Dichtung des Mittelalters.«»Er entwarf eine grosse Reihe von epischen und dramatischen Plänen, gestaltete sie oft ziemlich klar und verliess sie dann, nur weniges aufzeichnend.« ¹)

Gegenüber den romantischen Verirrungen, namentlich auf dem Gebiete der Tragödie, weiss auch Platen die Vergangenheit zu preisen,»die Zeit des gewaltigen Karl«, aus welcher noch ein gewaltiges Lied« geblieben ist von der mächtigen Frau, die erst als zarteste Jungfrau

dasteht, und verschämt, voll schüchterner Huld dem erhabenen Helden die Hand reicht,

bis dann sie zuletzt, durchs Leben gestählt, durch glühende Rache gehärtet, graunvoll auftritt, in den Händen ein Schwerdt und das Haubt des enthaubteten Bruders.«*)

Zugleich rühmt er den Dichter, »den unsterblichen Sänger der Chriemhild; doch stümpert er nicht, doch christelt er nicht, doch singt er homerisch und einfach.«)

Als ihm 1825 wegen Ueberschreitung seines Urlaubs eine mehrwöchentliche unfreiwillige Musse im Arrest zu Nürnberg gelassen wurde, schrieb er seinen kurzen Aufsatz über»das Theater als ein Nationalinstitutz. Der Nibelungen gedenkt er hier als einer der wichtigsten Erscheinungen der gesammten deutschen Litteratur; er dringt darauf, die Jugend so früh wie möglich mit der altdeutschen Sprache bekannt zu machen, um die Heldengrösse der Nibelungen an der Quelle schätzen zu lernen; und in einem Hymnus(den er nachher zu verzeihen bittet) ruft er die Jugend auf,»jenen herrlichen Thaten zu lauschen, denen das Ohr unserer

¹) cf. Goedeke a. a. O. III, 321. ¹) cf. Schlussparabase des romantischen Oedipus. ³) cf. Parabase von 1835.