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deutscher Volkslieder«; 1808 von ebendemselben»deutsche Gedichte des Mittelalters I. Band«; und 1807 dessen»Nibelungenlied«, eine eigenthümliche, halbe Umdichtung des Liedes, in welcher der Sprache eine gewisse Alterthümlichkeit erhalten blieb, doch so, dass das Verständniss durch Vertauschung der ganz veralteten Ausdrücke mit verständlichen erleichtert werden sollte. Das Verfahren wurde scharf verurtheilt und in der Folge nicht nachgeahmt. Dadurch war v. d. Hagen aber auf die Reinigung des Müller'schen Textes verwiesen worden. Mit Hülfe von anderen Handschriften(namentlich Lachmann D) stellte er einen verbesserten Text her, den er 1810 als Grundlage für Vorlesungen(mit Angabe der Varianten) in Druck gab.
— Als er 1820 seine dritte Auflage des Nibelungenlieds mit Einleitung und Wörterbuch versah, war schon 4 Jahre früher die Schrift Lachmann's erschienen(Ueber die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nib. Noth, Berlin 1816), welche seitdem den fundamentalen Aus- gangspunkt für jegliche wissenschaftliche Weiterforschung gab. ¹) In demselben Jahre(1816) war der I. Theil von Franz Bopp's»Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleich mit jenen der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache« erschienen. Welche Bewegungen von hier aus auf den Gebieten der vergleichenden Sprachwissenschaft, Grammatik und Mythologie sich anbahnten, dies auch nur zu skizziren, müssen wir uns versagen. Ebenso würde es ein Capitel für sich beanspruchen, wollten wir die Geschichte des Nibelungentextes seit Lachmann's erster Textausgabe(1826), welcher Simrock's Uebersetzung(1827) auf dem Fusse folgte, nur im Allgemeinen wiedergeben. Die germanische Philologie hat sich seitdem auf diesen Grundlagen zu einer Hohe erhoben, welche ihr auf allen deutschen Hochschulen eine achtunggebietende Stellung erworben hat; ihr Kern und Stern ist das Nibelungenlied geblieben. ²)
Während die Wissenschaft ihre eigenen Wege ging, unterliess die nachromantische Dichtkunst es nicht, ihrerseits stets neue Nahrung aus den Quellen des Mittelalters zu schöpfen und dieselbe dem neugekräftigten Nationalgefühle zu vermitteln. Nur als Beispiel, wie die Dichter jener alten Zeiten in Ehrfurcht gedachten und sie mit der Gegenwart in Beziehung setzten, erwähnen wir Schenkendorf's Lieder»am Rhein«(1814), oder, wo er»auf der Wanderung in Worms« gedenkt, wie hier»Hagen hat erstochen das Sigelindenkind«, und dass seine Zeit soeben»Hagens böse Thaten aufs Neue erlebt hat«; oder wie er im»Lied vom Rhein« der Nibelungen Hort glänzend neu erstanden sieht:»Es sind die alten Ehren, die wieder ihren Schein bewähren: der Väter Zucht und Muth und Ruhm, das heil'ge deutsche Kaiserthum!« Hier weht ein neuer Geist durch die Lieder; die Sehnsucht nach der verfallenen Herrlichkeit des Mittelalters ist vorüber; dafür richten sich die hoffnungsreichen Blicke in die Zukunft; hier leuchten die Sterne; nicht die Repristination, sondern die Neuschöpfung beseelt die vaterländisch- begeisterten Gemüther. Nun beginnt das centrale Streben nach Verwirklichung des nationalen Gedankens auf neu geschaffenem Grunde, das trotz alles Wankens und Schwankens der Geschichte nicht vergeht, sondern wie der rothe Faden sich hindurchzieht, bis es in unseren Tagen seine glänzende Erfüllung gefunden hat. Leider hat der Mann, welcher wie kein Anderer als Patriot gestritten und gelitten, aber auch gehofft und gesungen hat, und ganz besonders der Träger dieser Hoffnung gewesen ist, den Tag der Erstehung des neuen deutschen Reiches nicht mehr erlebt. Ludwig Uhland hatte während der grossen Zeit der patriotischen Begeisterung
¹) Zur Vervollständigung seiner Anschauung über die Entstehung des Volksepos vergleiche man hierzu seine»Betrachtungen über Homers Ilias«: Verhandlungen der Berliner Academie vom 7. December 1837 und vom 11. März 1841. Mit Zusätzen herausgegeben von M. Haupt, Berlin 1865.
¹) Man vergleiche hierzu die schon erwähnte Schrift von Dr. Hermann Fischer, Die Forschungen über das Nibelungenlied seit K. Lachmann. Leipzig 1874.


