Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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alters zu entfernen. Vorzugsweise suchten sie die Blicke auf den poetischen Gehalt und die historische Bedeutung der Poesie zu lenken; die sprachliche Seite trat noch zurück. Ihre Hülfsmittel waren. sehr gering; die Müller'sche fehlerhafte Ausgabe war der einzige Text, den sie benutzten; die historische Erforschung des Mittelalters lag noch in den ersten Anfängen; in grammatischen und lexikalischen Vorarbeiten war noch nichts geleistet. So waren auch ihre Erfolge gering. Es bedurfte eines gewaltigen Anstosses von aussen um die grosse Masse des Publikums in Bewegung zu bringen.

Für den Geschichtskundigen ist es überflüssig, die Katastrophe des Jahres 1806 auszu- malen. Es genügt, daran zu erinnern, wie der Stoss, der nacheinander Oesterreich und bald darauf Preussen traf, die Nation, soweit der Funke von nationaler Erinnerung noch nicht ganz er- loschen war, bis in die innerste Tiefe durchschütterte. Da erschollen die Mahnrufe von Arndt's, »Geist der Zeit« und Anderer, und man öffnete die Augen, um zu erkennen, wie weit man sich durch den idealen Flug der Gedanken von dem heimathlichen Boden hatte entführen lassen. Jahrelang wurde man durch den harten Druck des übermüthigen Feindes gezwungen, Ver- gangenheit und Zukunft zu vergessen, denn die Noth der Gegenwart nahm alle Kräfte in Anspruch.

Unter dieser herben äusseren und inneren Drangsal vereinigten sich die edelsten Geister zu dem gemeinsamen Streben, die heiligsten Güter der Nation in Pflege und Gewahrsam zu nehmen, zugleich aber auch die gedrückten Gemüther zu trösten und aufzurichten durch Rede und Dichtung. Unter den ersten stehen die Namen der Männer, welche in der Poesie zwar ein Gemeingut aller Zeiten und Völker erblickten und darum die litterarischen Schätze der Welt in den Dienst der deutschen Muse zu ziehen begonnen hatten, nun aber mit Nachdruck zur Rückkehr aufforderten, und mit einer ernsten, männlichen, vaterländischen Poesie auch dem ge- sunkenen Volksgeist eine kräftige Stütze zur Aufrichtung in die Hand zu geben hofften. ¹) Sie hatten nicht vergebens gerufen.»Die gebildeteren Classen legten nämlich ohne alle Osten- tation, still, vorsichtig die französische Literatur bei Seite und griffen zur deutschen. Aber zu welcher? zur altdeutschen, als der, welche man damals von allen romanischen Ein- flüssen frei glauben durfte«. Bald wurde man kühner: als im Winter 1807 und 1808 das Marionettentheater in Berlin aufgeschlagen wurde»und man sich entsann, dass die Stücke, welche man darstellte, alten deutschen Sagen entnommen waren,« glaubte man seiner Würde nichts zu vergeben, wenn man in diesen Vorstellungen erschien und achtete die Gefahr nicht, dass die fremden Eroberer diesen zahlreichen Besuch auffallend finden konnten. Auf diese Weise knüpften sich die längst zerrissenen Fäden wieder zusammen; das nationale und sittliche Leben der Gegenwart kräftigte und tröstete sich in dem Verkehr mit der Tiefe und Grösse der Ver- gangenheit. Nun war der Bann gebrochen. Nun regte es sich auf allen Seiten. In Heidelberg erschien 1806»Des Knaben Wunderhorn« von A. v. Arnim und Brentano und führte die Schätze des längst verklungenen deutschen Volksliedes dem Volke wieder zu. Bald verbanden sich mit ihnen Görres, die Schlegel, Tieck, Uhland, Jacob Grimm und legten in der Einsiedlerzeitung (gesammelt als Tröst-Einsamkeit 1807) die Früchte ihrer Studien und Forschungen, zum Theil auch ihre poetischen Erstlinge nieder. ¹) In Berlin erschien 1807 von der Hagen's»Sammlung

¹) Besonders vergleiche man dort die vier Artikel von Görres»Der gehornte Siegfried und die Nibelungen«, in welchen er den Zug der Sage durch die Geschichte verfolgt; besonders auch den Aufsatz von Jacob Grimm: Gedanken, wie sich die Sagen zu Poesie und Geschichte verhalten(No. 19 u. 20).