18
III. Die Nibelungen und die deutsche Poesie seit den Anfängen der Romantik.
Gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts sehen wir zwei wissenschaftliche Mächte im Bunde, unsere litterarischen und speziell poetischen Verhältnisse von Grund aus umzugestalten. In negativer Förderung hatte die Kritik seit Lessing's Zeiten schon das Ihrige zur Vorbereitung beigetragen; nun kommen von zwei verschiedenen Seiten die ebenbegründete historische Wissen- schaft und die auf der neu erstarkten Philosophie beruhende ästhetische Begründung der Poesie. Dass diese beiden Seiten der Wissenschaft auch gerade von den bedeutendsten Dichtern getragen und gefördert wurden, konnte nur dazu dienen, ihren durchgreifenden Einfluss auf die Poesie zu beschleunigen.
Da erschienen, gerade zu rechter Zeit, in Halle 1795 Friedr. August Wolf's: Prolegomena ad Homerum ete. Wie dies gewaltige Werk die ganze philosophische Wissenschaft angriff und regenerirte, so gab es zuerst und bis auf unsere Zeit abschliessend die Normen für jede Kritik epischer Dichtungen. Diese drei gewaltig wirkenden Factoren übernahm das neue Jahrhundert. Es kann hier unseres Amtes nicht sein, zu verfolgen, welche Umwälzungen durch dieselben auch nur in der Poesie, geschweige denn in den weiteren Kreisen der wissenschaftlichen Bestrebungen, hervorgerufen wurden. Auch bedarf es nur der Erwähnung, dass die junge Generation, welche diese drei Ströme zu vereinigen und auf allen Gebieten, insbesondere dem poetischen, deren treibende Kräfte fruchtbar zu machen suchte, im Gegensatze zu der classischen Periode, die Romantik genannt wird. Ebenso wenig ist es hier möglich, auch nur annähernd zu erörtern, welche Stellung die Romantik im Ganzen, oder deren einzelne Begründer, zu unseren grossen Dichtern einerseits, oder den bedeutendsten Philosophen ihrer Zeit andererseits eingenommen haben. Nicht minder müssen wir es uns versagen zu verfolgen, welche Wandlungen die Romantik später in sich erfahren hat, oder wie weit die Einzelrichtungen der jugendlichen Begründer sich später von einander entfernten, sogar in gewissem Sinne entgegen traten(man denke nur an Friedrich Schlegel und Schleiermacher). Denn über die Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen sind, trotz der reichhaltigen eindringenden Untersuchungen auf diesem Gebiete, ¹) die Acten noch nicht geschlossen; in Ansehung des Geschmacks aber, welchen die Romantik in der Kunst begründete, sind wir noch weniger in der Lage, abschliessend zu urtheilen, da wir dessen Nachwirkungen noch nicht überwunden haben, also einen Standpunkt ausserhalb der streitenden Parteien noch nicht haben gewinnen können.
Aber ohne Bedenken dürfen wir den Häuptern der Romantik die Anerkennung nicht versagen, dass sie es gewesen sind, welche die Nibelungen in die deutsche Poesie einführten und auch die sprachwissenschaftliche, die philologisch-kritische Nibelungenfrage wesentlich ge- fördert haben.
Das Recht der Priorität gehört hierin Friedrich Schlegel. Seine Schrift»Ueber das Studium der griechischen Poesie«(1797) wollte zu oberst das Schöne, als griechisches Kunstideal, der in der deutschen Poesie übermässig vorwiegenden Verstandesrichtung gegenüber wieder zur
¹) Man vergleiche ausser den oben angeführten Schriften Hettner's, Gervinus und Anderen, besonders noch Haym: Die romantische Schule. Berlin 1870. Besonders pag. 808 ff.


