u. wenigstens einzelne Stücke von geschickter Hand einmal in Prosa übersetzt würden,»damit der Gehalt in ganzer Kraft und Macht vor die Seele träte und dem Geiste von einer neuen Seite zur Erscheinung käme.« In die Mitte dieses langen Zeitraumes fällt seine erste Bekanntschaft mit den Nibelungen. In seinen Tages- und Jahresheften ¹) erzühlt er selbst, er habe 1807 zum ersten Male das Gedicht gelesen. Um diese Zeit gelang es Sulpiz Boisserée, den bis dahin spröden Herrn für die Romantik zu gewinnen. ²) Zwar wird er zunächst nur für die Gothik der Dome zu Cölun und Strassburg erwärmt, zu welchen Boisserée ihm Zeichnungen und Risse schickt. Wiederholte Reisen und Kunstabsichten führten ihn 1814 und 15 an den Rhein, und bei diesen Gelegenheiten konnte er sich den gewaltigen Eindrücken der Gemäldesammlungen Wallraff's und Boisserée's nicht entziehen. Doch behielt er zur Malerei eine besondere Stellung. Cornelius stellte er überaus hoch. Als aber Overbeck und Andere die Kunst rein im Dienste der Kirche aufgehen lassen wollten; und als die Lehre überhand nahm, Frömmigkeit und Genie seien für den Künstler die ausreichenden Mittel, es den Besten gleichzuthun, da erschien der Aufsatz von Meyer»über neudeutsche religiös-politische Kunst« im 2. Heft von»Kunst und Alterthum.⸗ Ebenso verfolgte er die poetischen Leistungen des jüngeren Dichtergeschlechts seiner Zeit mit Interesse, wie seine Tages- und Jahreshefte und die Gespräche mit Eckermann nachweisen. Das Gute in denselben erkannte er an, aber es war ihm zu viel Subjectives darin. Als aber die „»Lazarethpoesie« und der Weltschmerz aufkamen, da wandte er sich von ihr ab: »Mir will das kranke Zeug nicht munden, Autoren sollen erst gesunden. ³)
Indessen, um jener Zeit gerecht zu werden, wollen wir nicht unterlassen zu erwähnen, dass auch schon vor langen Jahren bedeutende Stimmen mit ihrer Anerkennung der Nibelungen nicht zurückgehalten hatten; unter ihnen voran steht der Historiker Johannes Müller. Gleich nach dem Erscheinen der Ch. H. Müller'schen Gesammtausgabe äusserte er sich in den Göttinger gelehrten Anzeigen(1783). Er gibt eine geschichtliche Deutung, wiewohl noch mit einiger Zurückhaltung; ebenso redet er schon über den inneren Werth des Gedichts, zieht sogar schon einen Vergleich zwischen dem deutschen Epos und der homerischen Ilias. In der»Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft« spricht er sich freier aus(1786) und urtheilt, das Lied der Nibelungen könne eine nordische Ilias werden; doch macht er dessen Durchdringen abhängig davon,»dass es nach Verdienst bearbeitet werde(nicht aber zu sehr, sondern seiner antiken Gestalt ohne Schaden).« In dem Sinne J. Müller's sprach sich auch der Hamburger Bibliothekar P. D. Giseke zehn Jahre später aus in seiner Schrift: Ueber der Nibelungen liet(an J. J. Eschenburg gerichtet: Hamburg 1795).— Und, damit auch der laute Widerspruch nicht fehlte, erhob der bekannte, und nach gewissen Seiten verdiente Grammatiker Adelung seine Stimme gegen die ganze Poesie des Mittelalters. Wie konnte das aber auch anders sein? Nach seiner Ansicht waren die alten Germanen mit allen Lastern behaftet; und ihre Nachkommen in der Hohen- staufenzeit hätten es in ihrer Dichtkunst auch nicht über die elende Reimerei und Geschmack- losigkeit hinaus gebracht. Darum urtheilt er auch über die Nibelungen(1784 in seinem Magazin f. d. Spr. II, pg. 148):»von Seiten der Dichtung verdienen alle diese Ueberbleibsel nicht die mindeste Aufmerksamkeit.« Deutlicher konnte man sich wohl nicht aussprechen.
¹) Bd. XXVII, p. 248. Ueber weitere Aeusserungen Göthe's vergleiche man Raumer a. a. O. 493. ²) Lewes, Göthe's Leben II, 484 ff. Hettner, Litteraturgeschichte des XVIII. Jahrhunderts, III, C“ 554 ff. ²) cf. Goedeke, Grundriss zur Geschichte der deutschen Dichtung. II, 864 ff.
Musterschule 1876. 3


