Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

sich gebahrenden teutonischen Dichtung hörte er vorzugsweise die heftigen Angriffe auf die französische heraus. Einen eigenen Einblick in dieselbe hat er gewiss nicht genommen; aber was er über dieselbe hörte, mochte gerade ausreichen, ihn gegen dieselbe einzunehmen.

Müssen wir nicht, in Erkenntniss der Eigenartigkeit jener Zeit, es nun begreiflich finden, wenn auch Schiller dem Mittelalter fern blieb? Die 23 Jahre seines angestrengten Schaffens von seiner Flucht aus Stuttgart bis zu seinem Tode, gerade der Höhepunkt der Revolution, die sich auf allen Gebieten vollzog, sind an Schöpfungen so reich, dass sie füglich ein gauzes Menschenleben füllen konnten. Wie viel von seiner Kraft wurde dabei absorbirt durch die steten Wandlungen seiner äusseren Stellung, den ununterbrochenen Kampf um die Existenz, die politischen Stürme, die die Welt bewegten? Blieb ihm dabei noch Zeit übrig, sich in eine Epoche der fernen Vergangenheit zu vertiefen, welche ebenso sehr seiner historischen Kenntniss fern lag, wie sie seinem, einerseits auf das Alterthum gestützten, wie andererseits philosophisch angeregten ästhetischen Sinne widerstreben musste? Seine rasch verfliessende geistige Entwicklung auch nur oberflächlich zu verfolgen hiesse Eulen nach Athen tragen; aber vergessen wollen wir nicht, dass auch er begeistert Klopstock's Oden, Ossian und Werther als vierzehn- und sechzehnjähriger Karlsschüler gelesen hatte, ohne in dem Strudel der Zeit dauernd zu versinken; dass er 15 Jahre später wiederholt auf das Epos geführt wurde; dass er über das epische Idyll, der einzigen Leistung seines Jahrhunderts, hinaus die nationale Bedeutung des Epos mit voller Klar- heit erkannte, dass er sich mit grossen Entwürfen lange trug, und sich durch das Studium Homers und Virgils vorzubereiten suchte, ohne aber seine eigene dramatische Natur zu grösseren Schöpfungen zwingen zu können. Die Anfänge der Romantik nahm er freundlich auf, begünstigte sie sogar. Als er aber in dem bekannten Briefe an Aug. Wilh. Schlegel(vom 31. Mai 1797) sich von den jugendlichen Vertretern der neuen Richtung abgewandt hatte, blieben alle ferneren Annäherungsversuche fruchtlos und seine fernere ablehnende Haltung gegen die Bestrebungen derselben beruht wohl vorzugsweise auf persönlichen Gründen. ¹) Sein früher Tod hinderte ihn, die aufgehende Blüthe der romantischen Schule vorurtheilslos sich entfalten zu sehen.

Ganz anders stand es mit Göthe. Von seiner Rezension der Lieder Sined's des Barden von M. Denis in den Frankfurter gelehrten Anzeigen(1773) bis zu seiner überaus anerkennenden Beurtheilung von Simrock's Uebersetzung des Nibelungenlieds(1827) liegt der weite Weg von mehr als einem halben Jahrhundert. Dort weiss er nur Weniges über die alte vaterländische Dichtkunst zu sagen.»Wir haben eben leider nichts Eigenes mehr aus jenen Zeiten, und wenn auch in Bibliotheken hie und da noch etwas wäre, so ist weder Lohn noch Ermunterung genug, dass man sich Mühe gebe, diese Gesänge aufzusuchen; und es werden ja die Minnegesänge nicht einmal gelesen.« Hier urtheilt er nach einer aphoristischen Zer- gliederung des Ganzen:»die Kenntniss dieses Gedichts gehört zu einer Bildungsstufe der Nation.« »Jedermann sollte es lesen, damit er nach dem Mass seines Vermögens die Wirkung davon empfange.«»Diess Werk ist nicht da, Ein für alle Mal beurtheilt zu werden, sondern an das Urtheil eines Jeden Anspruch zu machen, und desshalb an Einbildungskraft die der Reproduction fähig ist, ans Gefühl fürs Erhabene, Uebergrosse, sowie für das Zarte, Feine, für ein weit um- fassendes Ganze und für ein ausgeführtes Einzelne. Aus welchen Forderungen man wohl sieht, dass sich noch Jahrhunderte damit zu beschäftigen haben.« Für wünschenswerth hält er, dass

¹) Eine eingehendere Begründung gibt unter Anderen Hettner in seiner bahnbrechenden Schrift: Die romantische Schule in ihrem inneren Zusammenhange mit Göôthe und Schiller, 1850, Seite 25.