Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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er die Führer der Nation einschlagen sah, schrieb er die bekannten Aeusserungen an Gleim: »dass nach seiner Denkungsart, das Lob eines eifrigen Patrioten das allerletzte sei, wonach er geitzen würde; des Patrioten nehmlich, der ihn vergessen lehrte, dass er ein Weltbürger sein sollte;«»dass die Liebe des Vaterlandes ihm aufs höchste eine heroische Schwachheit sei, die er recht gerne entbehre.«¹*) Es bedurfte nur dessen noch, dass er genau zehn Jahre später am Schlusse der Dramaturgie den Deutschen die Nationalität überhaupt absprach, ²) und man hatte vergessen, dass er inzwischen durch seine dramatischen Dichtungen sowohl, wie durch seine auf- opferungsvolle Thätigkeit in Hamburg thatsächlich diese Aeusserungen widerlegt hatte. Und nun sehen wir den Strom des Weltbürgerthums mit unaufhaltsamer Gewalt die Nation ergreifen. Welchen Umsturz derselbe hervorrief und welche Störungen er anrichtete, das in seinem Umfange zu würdigen, müssen wir der Geschichte überlassen. ³) Herder gehört das Verqdienst, die Führuug übernommen zu haben; wenn wir aber auch Klopstock, Göthe und Schiller) von diesem Strome fortgerissen sehen, so hört wohl jede Verwunderung bei uns auf darüber, dass eine Zeit, die mit sich selbst in so schweren inneren Kämpfen lag, weder Zeit noch Ver- anlassung fand, den epischen Schätzen aus der deutschen Vergangenheit, wenn auch nur eine stille Beachtung zu widmen.)

Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es vor Allem noch an der historischen Grund- lage zur rechten Würdigung mittelalterlicher Dichtung mangelte. Die historische Wissenschaft fing erst in den 60er Jahren an sich zu regen, und die grossen Förderungen, welche dieselbe von J. Müller, Möser, Spittler und Anderen empfing, warteten noch in der Zukunft. In den Schulen wurde noch nichts gelehrt, und die allgemeine Geschichtskenntniss reichte höchstens bis zur Reformationszeit. Es fehlte auch darüber nicht an Klagen; man lese nur den 52. Literatur- brief Lessing's. Wir hören zwar schon Wieland's Begeisterung für den Iwein laut werden;) aber sie hatte einen andern Ausgangspunkt; er sah in diesen Rittergedichten keine Erzeugnisse einer national-deutschen Dichtkunst, sondern Producte der französischen Romantik; der deutschen Vergangenheit, mit Ausnahme der Minnelieder, zumal dem Bardenwesen war er durchaus ab- geneigt, schon allein darum, weil er von dem dramatischen, wie dem epischen Dichter den Ge- brauch des Reims verlangte.

Hier werden wir auch Friedrich dem Grossen gerecht, und wir finden die Erklärung für die harten Urtheile, welche er 1780 in seinem Sendschreiben de la littérature allemande fällte. Den Götz nannte er eine imitation détestable de ces mauvasies piéces anglaises(Shakespeare) et ces degoütantes Platitudes;?) und als Chr. Heinr. Müller ihm die Ausgabe der»deutschen Gedichte des Mittelalters« übersandte, antwortete der König in einem hart abweisenden Tone. Aber Priedrich hatte für das romantische Element überhaupt keinen Sinn; und aus der ungestüm

¹) Maltzahn XII, pag. 150 u. 152.

²) cf. Maltzahn VII, 419.

³) Man vergleiche hierzu die vortreffliche Ausführung bei Gervinus a. a. 0., V, 416 ff. Koberstein a. a. O., II, 862 ff., III, 2531 ff.

) Wie sehr später Schiller sich gewandt hatte, beweisen am besten seine Dramen»Wallenstein« und»Tell«.

³) Ausnahmsweise hören wir von Voss, dass er schoön auf der Schule zu Eutin die Nibelungen las.

) cf. Raumer a. a. O. 269.

²) Möser antwortete schon 1781 in einem interessanten Schreiben an einen Freund»über die deutsche Litteratur«(Vermischte Schriften I, pag. 184 ff.) und nahm das Drama in Schutz, bei aller Anerkennung des Königs und der Sprache»eines edlen Herzens, das nicht spotten, sondern wirklich nützen und bessern wollte.« Man vergleiche dazu Klopstocks Oden an Friedrich.