Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

wundern, wenn Klopstock zu den grossen Verehrern Ossian's gehörte? War es zu verwundern, dass die zahlreichen Verehrer Klopstock's die Bewunderung des Meisters theilten? In Strassburg wurde Göthe durch Herder mit Ossian bekannt gemacht; er übersetzte damals schon Manches, und nahm später Einzelnes in den Werther auf; bedurfte es nun noch einer weiteren Empfehlung, um diesem Tone der Empfindung Aller Herzen zu öffnen? ¹) Man empfand ein süsses Behagen an den idyllischen Scenen, die erfüllt waren von einer elegischen Stimmung für Natur und Ein- samkeit; je breiter die Empfindung sich ausspann, um so geringer war die ächt-epische Grund- lage. Konnte daneben die verstandesklare und wirklich gemüthstiefe Epik der Nibelungen aufkommen?

Göthe erklärt den ausserordentlichen Beifall, den Werther-Ossian fand, dahin, dass»die Zeit von aussen zu bedeutenden Handlungen keineswegs angeregt« gewesen sei, und dass die einzige Aussicht»sich in einem schleppenden, geistlosen, pürgerlichen Leben hinhalten zu müssen« diese düstere melancholische Stimmung hervorgerufen und die Weltflucht und den Lebens- überdruss begünstigt habe. Wie war eine solche Stimmung möglich bei einer Generation, die doch die Thaten des siebenjährigen Kriegs mit erlebt hatte? und man hatte doch, sogar in Feindesland, wie wir von Lessing und Göthe wissen, dem jungen Könige von Preussen alle An- erkennung, sogar Bewunderung gezollt. Diese Eindrücke waren freilich bald genug verrauscht und mussten bald vergessen werden, weil die Nation sich nicht mithandelnd gesehen hatte. Aber »ein Volk, das nicht gewohnt ist, sich selbst handelnd zu sehen, auf Thaten zu halten und Werth auf den Ruhm des Krieges zu legen, ein solches Volk verzichtet leicht auf die Dichtung, die Thaten und Handluugen Denkmale setzt. Es war damit zufrieden, dass Friedrich den Ruhm des Krieges allein erntete«; darum fassten diese Eindrücke in dem Volkscharakter jeuer Zeit keine Wurzel und wurden bald von der weichlichen Stimmung überwuchert. Auch die Lessing'schen Dramen jener Zeit(Minna von Barnhelm und Philotas) vermochten diesen Widerstand nicht zu überwinden und, bezeichnend genug, wurde in Berlin Minna von Barnhelm innerhalb drei Wochen neunzehnmal vom Pablikum verlangt; in Hamburg mussten nach dem fünften Acte als Nachkost noch Gaukler und Luftspringer sich produziren. Wie war es möglich, fragen wir noch einmal, dass die gesammte Denkweise jener Zeit in jene verschwommene Empfindsamkeit versinken konnte, und dass diese Stimmung sogar von den Besten genährt wurde? Sagen wir es kurz: es war der Rückschlag nach dem Untergang der politischen Nationaleinheit und nach dem ver- lorengegangenen Bewusstsein der sittlichen Zusammengehörigkeit. Klopstock war noch durch- drungen von einem warmen Patriotismus; aber derselbe war gegenstandslos, denn sein Vaterland lag weit zurück in der germanischen Vergangenheit. Zwar verläuguete sich seine edle Natur nicht, so lange er sich richtete gegen das tyrannische Wesen fremder Sitte und Bildung und bemüht war, auch dem Volke und Bürgerstande seine Geltung zu verschaffen gegenüber den drückenden Vorrechten, welche einzelne Stände noch genossen. Aber dieser Patriotismus blieb doch vorzugsweise deklamatorisch, so lange er über die engeren Kreise nicht hinausdrang. Als aber diese politischen Freiheitsrufe sich verbanden mit dem eindringenden Rationalismus und in seltsamem Gegensatze hierzu die mystischen Ideen von Physiognomik, Magnetismus und allen möglichen Geheimlehren und geheimen Gesellschaften ihren Umzug hielten, da wurden die jungen Kräfte von diesem Strome mitgerissen. Da gerade wandte sich der wahrhaft patriotische Lessing von seiner Zeit ab, und in der bitteren Stimmung über die verkehrte Richtung, welche

¹) cf. Koberstein, Grundriss der Geschichte der deutschen National-Litteratur II. 1550, Anmerkung.