Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Die Schranken waren durchbrochen, welche die frühere Kunstkritik aufgerichtet hatte. Was nützte noch das alte Ansehen von Gottsched, der Schweizer, Gellert, Haller, Rabener und Anderen, als man begann nicht nur nach Lessing's Vorgang die französischen Muster zu ver- werfen, sondern auch das Alterthum in seinen Kunstschöpfungen anzufeinden? und als nun gar noch Einzelne, wie Nicolai's Bibliothek, versuchten, die frühere Art der Kritik zu ver- theidigen, und wie noch Sulzer 1771 that, den Dichtern Anweisung zu geben, wie sie sich in die poetische Begeisterung versetzen sollten, da lehnte sich dagegen das empörte Gefühl der ganzen dichterischen Jugend auf. Man hatte mit Herder gelernt, die Poesie sei Gemeingut aller Zeiten und aller Völker; darum begeisterte man sich ebensowohl für die Bibel wie für das Alterthum, für nordische wie für südliche Poesie. Man suchte Alles auf und übersetzte Alles, dem man einen poetischen Werth beimass. Und wieder folgte man Herder's Spuren, als man das Wesen der Poesie weniger in den Worten als im Tone und in der musikalischen Wirkung fand. ¹) Darum suchte man dieselbe in der Naturpoesie; im Volkslied war keine Kunstregel be- stimmend gewesen; ebenso wenig bei Homer, Ossian, Shakespeare. Diese werden nunmehr die bewunderten Vorbilder. Bis in den Orient ging man und fand in der orientalischen Poesie den Mittelpunkt aller Volkspoesie. Mit unerhörter und unvergleichlicher Leichtigkeit vermochte Herder sich in jeden Volkscharakter zu versetzen und dem entsprechend den Ton der Wiedergabe in Empfindung und Sprache zu treffen, davon zeugen seine»Stimmen der Völker in Liedern« (1778). Gleichen Schritt damit hielt seine eigene poetische Produktion nicht. Unter den Original- genies fehlte es auch an Talenten, welche die gewonnenen Schätze für die deutsche Dichtung hätten fruchtbar machen können, und die Kräfte vieler Männer wurden dadurch auf Nebenwege gelenkt, die der Wissenschaft zwar reichen Nutzen brachten, der Poesie aber grossen Schaden zufügten. Auch in das Mittelalter vertiefte man sich und hegte Interesse am Minne- und Meistergesang, weil man in ihnen Natur- und Volkspoesie sah; manches Schöne und damals Unbekannte wurde hierdurch bekannt, und in weiten Kreisen damit neue Anregung verbreitet, Alles unter dem Einflusse Herder's. Man machte auch das Drama dem neuen Geiste unterthänig. Nachdem die Fluth der Interjectionen und Gedankenstriche überwunden war, sollte auch hier der musikalische Charakter durchgeführt werden, alles unter Herder's Vorgang, dessen Einfluss noch auf weit hinaus nachwirkend bleibt. Diese weltumspannende Poesie fand keine Zeit, an einer einzelnen Epoche oder einer einzelnen poetischen Erscheinung zu verweilen. Bei Herder finden wir die Nibelungen nirgend berührt, nicht einmal ihren Namen genannt, wiewohl sich dazu die Gelegenheit reichlich geboten hätte. Woher sollte da das Interesse kommen in der Zeit, welcher doch vorzugsweise er die Signatur aufgeprägt hatte.

Da kamen(1764), gerade zur rechten Zeit, um die subjective Empfindsamkeit auf das Höchste zu steigern, die»Fragmente der hochschottländischen Dichtkunst und das Heldengedicht Fingal« nach Deutschland und trugen den Namen Ossian's in die junge Saat der neuen Zeit. Bald hatte er den alten Homer aus dem Felde geschlagen, denn er zeigte mehr Herz und Gemüth, als dieser; zur Empfindsamkeit gesellte sich bei ihm die Kraft und damit war man wieder auf dem Boden angekommen, den früher schon Klopstock aus eigenem Antriebe betreten hatte; das war derselbe Ton, welcher auch im Messias die Herzen ergriffen hatte; war es also zu ver-

¹) Und doch war Herder's Natur keine musikalische. Man vergleiche nur sein Lied:»Es sah ein Knab ein Röslein stehn« mit der musikalischen Wirkung, die Göthe durch wenige verändernde Striche in dasselbe gebracht hat.