Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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und»wenigstens« von dem kriegerischen Geiste zeugen, der unsere Vorfahren zu einer Nation von Helden machte.« Darauf tadelt er die unverantwortlichen Sprachfehler, welche die Schweizer begangen hätten; ihr Glück sei,»dass sich wenige von den heutigen Lesern in den Stand setzen werden, sie bemerken zu können.« Wenn wir uns zu keinem weiteren Urtheil über diese Aeusse- rung berechtigt glauben, so klingt mindestens eine sehr kühle negative Haltung aus diesen Worten heraus. ¹) An Gleim's Minnesingern nimmt er lebhaften Antheil(Brief an Gleim d. 28. Juli 1759). Ueber das»Heldenbuch« beginnt er am 23. Februar 1758 eingehende historische und sprach- liche Untersuchungen. ²) Zwanzig Jahre später correspondirt er noch mit Eschenburg in Braun- schweig über das Heldenbuch(cf. Brief d. 10. und 29. März 1776). Auch über einer Sammlung deutscher Volksgedichte arbeitet er noch spät(cf. Brief an Herder d. 10. Januar 1779), deren Werth er ebenso hoch stellt, wie er die Volkslieder gering schätzt. In seinem literarischen Nachlass fand sich noch ein ziemlich umfassendes Heft:»Beiträge zu einem deutschen Glos- sarium«; ³) in demselben finden sich aber nur fünf Citate aus Bodmer's:»Chriemhildens Rache«, ein Beweis, dass er dies Buch auch nach seiner sprachlichen Seite nicht ausgebeutet hat. Mag dies genügen, um sein nicht vorübergehendes Interesse an dem Mittelalter zu bezeugen; um so mehr fragen wir aber, warum geht er so absichtlich, ja geringschätzend über die Nibelungen hinweg? begnügen wir uns hier zunächst mit der psychologischen Antwort: Lessing war nicht überall so kühl, dass er stets die Person von der Sache so haarscharf geschieden hätte; wie ihm der Name Bonnet's so ekel geworden war, dass er auch nicht einmal die Wahrheit von ihm lernen mochte«,) so hat er auch gegen die pedantische Art Bodmer's eine Abneigung. Dieselbe spricht sich in der Art aus, wie er in dem oben erwähnten Briefe an Gleim die sprachlichen Verstösse in Bodmer's Ausgabe rügt; noch stärker, wie er sogar Gottsched gegen die Schweizer in den»Fabeln der Minnesinger« in Schutz nimmt; nicht minder, wie er deren Kunsttheorien be- urtheilt. Diese durchleuchtende persönliche Gereiztheit ist nicht gering anzuschlagen; klingt doch schon in seinen Jugendgedichten ein empörtes Gefühl durch gegen die Schweizer, als sie gleich wie Gottsched darauf ausgingen eine Schule um sich zu sammeln.»Die gröbsten Geister«, sagte er,»kritisiren und dichten auf erschlichene Regeln gestützt.« So mag der Verbreitung und Anerkennung der Nibelungen wesentlich auch der Umstand im Wege gestanden haben, dass sie eben von Bodmer ausgingen. Dadurch wurden sie gleich in den Schulhader und persönlichen Zwist hineingezogen, der das objective Urtheil trüben musste.

So verflossen die 60er Jahre. An ihrem Schlusse sahen sie noch die grosse literarische Revolution anbrechen,) die in ihrem Gesammtcharakter ebenso schwer zu charakterisiren ist, wie in ihrer Stellung zu unserem grossen Epos.

¹) cf. Maltzahn: Lessing's sämmtliche Schriften, XII. pag. 140, Brief an Mendelssohn d. 2. ⸗April 1758, tadelt Nicolais allzugünstige Recension der Schweizer Publikationen.

²) Maltzahn XI, pag. 43 ff. Ueber das wunderbare Schicksal seines Exemplars, vergl. XII, 213. Anmerkung.

²) cf. Maltzahn XI ², pag. 258 277.

¹) Maltzahn XII 338, Brief an Mendelssohn d. 9. Januar 1771.

³) Gervinus(IV 460) nimmt das Jahr 1768 als Wendepunkt an; fast zu gleicher Zeit erschienen: Lessing's Dramaturgie und antiquarische Briefe, welche die Kritik noch schärften; Wieland's Musarion, die wie sein Agathon, den Blick auf Griechenland schärfte und eine neue Sinnlichkeit athmete; Bode's ubersetzter Vorik und Denis' Ossian, die der langher gepflegten Empfindsamkeit frische und gesündere Nahrung boten; Gerstenberg's Ugolino und die Barden, die dieser weiblichen Empfindsamkeit neue Kraft und Männlichkeit entgegen warfen... Eine Pause von mehreren Jahren schien dann nöthig, um sich mit diesen blendenden Erscheinungen erst zu ver- ständigen; 1773 erfolgte dann der eigentliche poetische Ausbruch durch Götz und Werther, als ob er durch die Bewegungen auf anderen Gebieten etwas wäre zurückgehalten worden«....