Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

II. Die Dichter der 2. Hälfte des XVIII. Jahrhunderts und die Nibelungen.

Gewiss ist, dass Bodmer's Entdeckung dem grossen Haufen der Leser entweder ganz unbekannt blieb, oder doch keinen Eindruck auf sie machte. Aber auch die Männer, von welchen am ersten die Anerkennung ihrer unendlichen Wichtigkeit zu erwarten gewesen wäre, welchen die erste Stimme zukam, die Aufmerksamkeit ihrer Landsleute zu wecken, schwiegen darüber und schienen diese Entdeckung unbemerkt vorbei gehen zu lassen. ¹) Um so auffallender und fast unbegreiflich wird diese Thatsache, wenn wir bei allen hervorragend begabten poetischen Geistern jener Zeit ein Entgegenkommen wahrnehmen, welches sie bis dicht an die Grenze der Nibelungen führt, dann aber plötzlich sich wendet. So gewiss bei einem Jeden die entgegenstrebenden Gründe rein individueller Art waren, ebenso bestimmt enthielt auch ihre Zeit gewaltige durch- gehende Strömungen, welche jenen vorbereitenden Einfluss der herangereiften Sprachwissenschaft neutralisirten; ebenso berechtigt sind wir aber auch anzunehmen, dass bei einem Jeden, neben seiner persönlichen Auffassung von Wesen und Geschichte der Poesie, in erster Linie sein Vater- landsbegriff und seine Stellung zur Idee der Nationalität von ausschlaggebendem Moment gewesen sei.

Klopstock's vaterländische Gesinnung bildet einen Grundton seines Wesens und seiner Dichtung. Mit seiner Begeisterung für Tacitus, die Barden, Ossian(den er für einen Deutschen nimmt) beherrscht er seine Zeit, die altnordische Mythologie gibt seiner ganzen Odendichtung die Farbe. Die Sprache reinigt er von fremden Bestandtheilen und zwingt sie mit unerhörtem Erfolge in die Fesseln neuer Metra. Auf die Orthographie sucht er einzuwirken und arbeitet mit an dem Ausbau der deutschen Grammatik. Aber seine Vorliebe für die Vergangenheit der deutschen Poesie geht nicht über Otfried und Heliand hinaus. Die reimlose und rhythmische Form ist ihm die allein berechtigte, der Reim ist ihm zuwider. Darum wendet er sich von der neueren Poesie, die den Reim begünstigt, ab, und die scandinavischen und angelsächsischen Lieder gewinnen seine ungetheilte Neigung. Von den neuaufgefundenen Nibelungen hat er wohl keine Notiz genommen.

Dagegen gehört Lessing zu den Ersten, welchen Bodmer's Werk in die Hände kam. Von seinen bahnbrechenden Verdiensten um deutsche Sprache und Literatur zu schweigen, finden wir ihn, im Gegensatze zu Klopstock, in verschiedenen Zeiten seines Lebens in eingehender Beschäftigung mit dem Mittelalter, welches nach verschiedenen Seiten hin sein Interesse fesselt. Als Gleim 1758 die Preussischen Kriegslieder eines Grenadiers herausgab, begleitete Lessing die- selben mit einer Vorrede; am 6. Februar 1758 schreibt er an Gleim darüber:»Ich habe Ver- schiedenes von den alten Kriesgliedern gesammelt, zwar ungleich mehr von den Barden und Skalden als von den Griechen... der alten Siegeslieder wegen habe ich»sogar« das alte Helden- buch durchgelesen, und diese Lectüre hat mich hernach weiter auf die zwei»sogenannten« Helden- gedichte aus dem schwübischen Jahrhundert gebracht, welche die Schweizer jetzt herausgegeben haben. Ich habe verschiedene Züge daraus angemerkt, die zu meiner Absicht dienen können,

*) Man vergleiche hierzu A. W. Schlegel in Friedr. Schlegel's»Deutschem Museum« 1812, Bd. I u. II.