Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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10 freien. Noch sind die letzten Fragen nicht gelöst und scheinen auch nicht alle für uns endgültig lösbar zu sein, wenn nicht, was freilich kaum zu erwarten steht, noch bedeutende neue Hülfs- mittel aus den zur Zeit noch ungehobenen Schätzen der Bibliotheken beigebracht werden. Der litterarische Streit ist über seinen Höhepunkt hinaus, und die gewonnenen Resultate lassen sich nunmehr schon mit einiger Ruhe mustern.

Bodmer entnahm seine Abschrift aus einer Handschrift(C), welche ihm von Herrn von Wocher aus der Bibliothek von Hohen-Ems mitgetheilt worden war. ¹) Als er später 1779 von dem Ganzen eine Abschrift zu nehmen wünschte, fand sich die erste Handschrift nicht, dafür aber eine andere(A) ²), welche ihm von Herrn von Wocher mitgetheilt wurde. Aus dieser entnahm nunmehr Bodmer den ersten Theil des Gedichts und übergab ihn Christoph Heinrich Müller, einem geborenen Züricher, welcher damals Lehrer an dem Joachimsthal'schen Gymnasium zu Berlin war. Dieser stellte aus der mitgetheilten Abschrift und dem Drucke von 1757 das Ganze zusammen und liess es 1782 in Berlin erscheinen unter dem Titel: der»Nibelungen Liet, ein Rittergedicht aus dem XIII. oder XIV. Jahrhundert. Zum erstenmale aus der Handschrift ganz abgedruckt«. Der Zusatz war unrichtig, denn das Ganze war aus zwei verschiedenen Hand- schriften zusammengestellt, und Müller hatte übersehen, dass Bodmer ihn hierauf aufmerksam gemacht hatte. Dies Versehen Müller's hat in der Folge zu grossen Verwirrungen Anlass gegeben. Nichtsdestoweniger hat er sich mit diesem Werke ein grosses Verdienst erworben. Bodmer starb im Jahre darauf.

Von dieser Zeit an ging die wissenschaftliche Erforschung dieses unseres grössten und gewaltigsten deutschen Heldengedichts ihre eigenen Wege. Eine feste Methode gewann sie jedoch: erst, als sie Friedr. Aug. Wolf's Prolegomena zum Homer(Halle 1795) auch als massgebend für Studium und Kritik der Nibelungen anerkannte. Seitdem sind die Namen der besten Kräfte der deutschen Wissenschaft in die Geschichte dieses Epos mit verflochten und die germanische Philologie hat eine selbstständige, der classischen Alterthumswissenschaft gleichberechtigte Stellung auf den deutschen Universitäten mit Ehren sich errungen.

Aber hier scheiden sich die Wege. Wie die Wissenschaft die Grösse dieses Epos immer mehr frei gestellt hat, ist eine Frage, die ihre eigene Würdigung verdient. Wir fragen nur die Geschichte der deutschen Poesie, wie sie, getragen von dem litterarisch gebildeten und national angeregten Theile des deutschen Volkes dem poetischen Werthe dieses grossen Erbes deutscher Vergangenheit sei gerecht geworden und welche Wege sie eingeschlagen haben, um dasselbe dem poetischen Gemeingut des Volkes wieder zuzuführen. Dabei wollen wir im Voraus der Sprachwissenschaft zugestehen, dass sie der litterarischen Würdigung vorangegangen ist; die letztere folgte ihr aber auf dem Fusse. Beide verfolgen zwar ihre Wege selbstständig und getrennt. Nichtsdestoweniger begegnen sie sich aber so häufig, dass auch wir den sprachwissen- schaftlichen Begegnungen uns nicht ganz werden entschlagen können.

¹) Später war dieselbe im Besitze des Freiherrn von Lassberg, jetzt ist sie in der Bibliothek des Herrn von Fürstenberg zu Donaueschingen. Ihre Schreibart ist sehr consequent und sorgfältig. Wegen der alterthüm- lichen Handschrift hat man sie noch in das 12. Jahrhundert versetzen wollen.

²) Dieselbe ist seit 1810 in München. Man verweist sie etwa in die Mitte des 13. Jahrhunderts.