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aber doch stetig fortschreitend in grösseren Kreisen den Boden erobert. Die Pflege des Neu- hochdeutschen hatte unterdessen viel gewaltigere Fortschritte gemacht. Eine ganze Reihe bedeutender Männer hatten schon seit einem Jahrhundert an der Reinigung und Ausbildung der Schriftsprache gearbeitet; Vereine hatten sich zu demselben Zweck in löblicher Absicht, wenn auch nicht mit den glänzendsten Erfolgen, zusammen geschlossen. Schon 1687 hatte Thomasius in Leipzig zum Entsetzen aller Latinisten die erste Universitätsvorlesung in deutscher Sprache angekündigt, und fand namentlich in Halle zahlreiche Nachahmer, die sich des besten Erfolges rühmten. Schon hatte auf den Gymnasien die Uebung der deutschen Sprache die lateinische in ihrer Alleinherrschaft wesentlich beschränkt, und war durch zahlreiche Arbeiten auf dem Gebiete der deutschen Grammatik und der Orthographie kräftigst unterstützt. Schon stand man kurz vor der Zeit, in welcher die deutsche Prosa der Schriftsprache auf die glänzende Hõhe des Lessing'schen Styls geführt wurde, die wir jetzt als eine kaum von einem anderen deutschen Prosaisten, ausser von Göthe, erreichte Blüthe bewundern:
Da, sollte man glauben, wäre die Zeit reif gewesen, den Veröffentlichungen der bedeu- tendsten Schätze aus der mittelalterlichen Hinterlassenschaft, die jetzt durch einen Zufall ans Licht gefördert wurden, wenn auch nicht mit Enthusiasmus, so doch mit Verständniss und Anerkennung entgegen zu kommen. Die Handschrift nämlich, welcher Goldast seiner Zeit seine Proben mittelalterlicher Lyrik entnommen hatte, war im Besitze des Freiherrn von Hohensax, in dessen Hause Goldast Hofmeister war, gewesen, war von da in die Bibliothek des Kurfürsten von der Pfalz zu Heidelberg gekommen und von hier nach der Eroberung Heidelbergs durch Tilly in die Königliche Bibliothek nach Paris verbracht worden. Durch besondere Vermittlung wurde dieselbe den beiden Züricher Gelehrten Bodmer und Breitinger zu freier Benutzung überlassen und nach Zürich gêsendet. Nachdem dieselben 1753 Proben aus derselben, aber ohne besonderen Beifall zu finden, mitgetheilt hatten, wurde es ihnen durch die Unterstützung von Züricher Mitbürgern möglich, das Ganze 1757 und 1758 in zwei Bänden vollständig im Drucke erscheinen zu lassen. 1) Sogar den geringen Erfolg, den die Herausgeber erwarteten, fanden sie nicht; sie sind gestorben, ohne erfahren zu haben, welchen unschätzbaren Dienst sie der Wissen- schaft geleistet hatten. Einen glücklicheren Wurf thaten sie durch die»Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger«, welche sie 1757 erscheinen liessen, deren Verfasser(Boner) aber damals noch nicht bekannt war. In demselben Jahr 1757 gab Bodmer durch die Veröffentlichung von: »Chriemhilden Rache und die Klage; zwei Heldengedichte aus dem schwäbi- schen Zeitpunkte— samt Fragmenten aus dem Gedichte von den Nibelungen und aus dem Josaphat— Zyrich 1757“ ¼, den ersten Anstoss zu der gewaltigen Bewegung, welche seitdem die Nibelungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie hervorgerufen haben. Von nichts weniger hatte der damals fast sechzigjährige Bodmer eine Ahnung, als davon, dass dies Epos der Mittelpunkt einer Literatur werden würde, die man jetzt schon kühn mit der Homerischen an Umfang vergleichen darf; dass aber auch die deutsche Poesie ein Interesse an ihm nehmen würde, welches füglich als ein Wendepunkt des poetischen Geschmackes angesehen werden muss; dass schliesslich auch die Geschichte in diesem Gedichte den poetischen Hintergrund seiner Entstehungszeit erkannte, und mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln an Combination und scharfsinniger Erklärung darauf hingearbeitet hat, denselben von allen Dunkelheiten zu be-
¹) Sammlung von Minnesingern aus dem schwäbischen Zeitpunkte, CXL Dichter enthaltend; durch Ruedger Manessen, weiland des Rathes des uralten Zürich. Musterschule 1876. 2


