8 auszubeuten unternahmen. Den bedeutendsten Schritt weiter that, um Anderer nicht zu gedenken, Daniel Morhof, ein namhafter Gelehrter, der mit seinem ganzen Leben dem Norden Deutsch- lands angehört. Mit seinem ausgebreiteten Wissen verband er einen ächt-vaterländischen Sinn, und von Beidem zeugt sein bedeutendes Werk:»Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesiez, welches 1682 in Kiel erschien. Nach zwei Seiten tritt er als selbstständiger Forscher von epoche- machender Bedeutung auf, indem er eine rationelle Methode der Etymologie aufstellt und zugleich den ersten Versuch macht, eine Geschichte der deutschen Poesie zusammenzustellen. ¹)
Ueber ihn hinaus schreitet sowohl durch seine umfassendere Kenntniss wie durch seine tiefere Auffassung der wissenschaftlichen Probleme Gottfried Wilhelm Leibniz. Bei dem durchgreifenden Einflusse, den er auf die ganze gelehrte Bildung des 18. Jahrhunderts besass, konnte es nicht fehlen, dass seine grossartige Forschung über das Wesen der Sprache, die er in den Dienst der Geschichte zog, und sein eindringendes Suchen nach Wahrheit eine Epoche in der Sprachwissenschaft bezeichnet. Ein bleibendes Denkmal hat er sich in der Gründung der Berliner Akademie der Wissenschaften gesetzt.
Soweit waren die Bestrebungen am Anfang des 18. Jahrhunderts gediehen. Bei allen hervorragenden Vertretern der deutschen Sprachwissenschaft ist ein Zug vaterländischen Interesses als Hauptmotiv erkennbar; ebenso haben Alle die ausgesprochene Absicht, Andere zu neuen Forschungen anzuregen. Aber auch bei Allen stehen diese Forschungen im Dienste einer anderen Wissenschaft; die Poesie als solche mit den ihr eigenthümlichen Stoffen hat das Interesse noch so zu sagen gar nicht auf sich gezogen, wohl auch schon darum nicht, weil man fast aus- schliesslich auf das gothische und althochdeutsche Alterthum zurückging, dagegen das mittelhoch- deutsche wenig angebaut war.
Dem von seiner Zeit so hoch gestellten und später so hart geschmähten Joh. Chr. Gottsched, dessen richtige Würdigung unserer Zeit vorbehalten blieb, muss unter anderen unläugbaren Ver- diensten auch das zugesprochen werden, dass er das sachliche Interesse an den Resten der mittel- hochdeutschen Poesie anzuregen versucht hat. Besonders lag ihm die Geschichte des deutschen Dramas am Herzen. Die Früchte seiner Sammlungen und Studien fasste er in den zwei Bänden seines:»nöthigen Vorrath zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst-(1757— 1765) zusammen, in einem Buche, das noch jetzt bedeutenden Werth besitzt, wenn auch Manches übergangen ist. Anderes, besonders Specialstudien, veröffentlichte er in Einzelaufsätzen seiner Zeitschriften und in Programmen, besonders in dem von 1752: e temporibus Teutonicorum vatum mythicis.²) Mag man auch über den Werth seiner Resultate gering urtheilen, sein Eifer, der ihn eigentlich Zeit seines Lebeus nicht verlassen hat, ist bezeugt, nicht minder durch seine eignen Arbeiten wie auch durch die Anregung, die er in die deutschübende poetische Gesellschaft zu Leipzig gebracht hat. Auch er empfindet den früher schon beklagten Mangel einer Geschichte der deutschen Sprache; er sammelt dazu eifrig die Materialien und verspricht(in der Vorrede zu seiner deutschen Sprachkunst) dieselbe zu schreiben; er ist sie uns jedoch schuldig geblieben und erst nach einem Jahrhundert war die Kenntniss der deutschen Sprache reif, dies gewaltige Werk zu unternehmen.
Auf diese Weise hatte sich das Studium altdeutscher Sprache und Poesie zwar langsam,
¹) cf. Raumer a. a. O. pag. 157.
¹) Pag. VII. Note f. Eæstat fabula de Seyfrido, cornu obducto, peculiari poëmate comprehensu, typis etiam eæscripta. cf. v. d. Hagen und Büsching a. a. O. pag. 52, als Berichtigung dazu: Raumer a. a. 0. pag. 255.


