7
aus ihrem Schutte, insbesondere brachte er die ersten Veröffentlichungen aus den Liedern Walthers von der Vogelweide. ¹) Nicht genug aber, dass er die rechten Wege des richtigen Verständnisses zuerst einschlug, wusste er durch seine eigene Freude an den Dichtungen auch das Interesse Anderer zu wecken. Wenn auch seinen Anführungen ein philologischer Werth noch nicht bei- zulegen ist ²), so gebührt ihm doch die Anerkennung, der Erste gewesen zu sein, der das Interesse auf die 400 Jahre lang vergrabenen Schätze zurücklenkte.
Von Goldast angeregt forschte Martin Opitz weiter. Als er 1624 sein Buch»von der deutschen Poeterei« herausgab, kanute er die altdeutsche Dichtung wohl nur aus Goldast's Veröffentlichungen. Die hier zuerst ausgesprochene Regel,»dass der Accent in der deutschen Poesie die Stelle der antiken Quantität vertrete,« mag nicht zum geringsten Theile aus dieser Quelle geflossen sein. Vier Jahre nach Goldast beschloss er selbst sein bewegtes Leben, und noch kurz vor seinem Tode veröffentlichte er das Lied vom heiligen Anno mit Anmerkungen, welche darthaten, dass er um wissenschaftliche Erforschung der vaterländischen Sprache redlich bemüht war. ³) So redlich sein Streben war, so gering waren seine wirklichen Erfolge, sobald er die gewonnene Erkenntniss in eignen poetischen Productionen verwerthen wollte. Schon in seinem Aristarch(1618) trat er auf für altdeutsche Sitte und Biederkeit gegen die Sprachverächter; und in seinem berühmten Trostgedichte legt er Zeugniss ab, dass die grossen Gestalten des Alterthums nicht ohne Einwirkung auf ihn geblieben waren. Aber auch schon Harsdörffer tadelt an ihm, dass ihm die eigentlich poetische Erfindung gemangelt habe. Das Meiste habe er aus anderen Sprachen übersetzt und wenig aus seinem Gehirn zu Papier gebracht. Darum könne er wohl das Lob eines guten Dolmetschers, aber nicht das eines Poeten beansprucheu. ¹) So wurde er der Schöpfer der Kunstdichtung in Deutschland. In ihr überwog die Form; das Gemüth wurde nicht angesprochen. Darum mangelt auch namentlich seinen Liebesliedern das Gleichmass; weil er nicht aus der Tiefe schöpft, und weil ihm der Stoff nicht von der Natur gegeben ist, ist kaum eins seiner Lieder frei von Plattheiten. In der übermässigen Betonung der Form folgen ihm seine Nachfolger; wenn sie nur auch seinen Eifer in dem Nachforschen nach alten deutschen
Sprachdenkmälern angenommen hätten.
Aber wiederum wurde der Faden der Weiterentwicklung gewaltsam abgerissen. Aus der politischen, sittlichen und sprachlichen Verwilderung, welche der dreissigjährige Krieg anrichtete, klingt zwar das Lied noch heraus. Aber es ist fast nur das Kirchenlied, welches den Klagen und Hoffnungen der Zeit Ausdruck verleiht. Das Interesse an der Wissenschaft und der Poesie hatte den nationalen Boden verloren, und das folgende Jahrhundert war schon angebrochen, als es sich wieder zu sammeln begann. Unterdessen schaffte jedoch der Norden rüstig weiter; seine Errungenschaften mussten auch der deutschen Wissenschaft mit der Zeit zu Gute kommen. Das Gothische gewann die wissenschaftliche Beachtung und zur selben Zeit, im Jahre 1665, wurde durch Petrus Resenius zu Kopenhagen der grösste Theil beider Edden im Grundtext mit lateinischer und dänischer Uebersetzung herausgegeben. Zwar war es auch weder ein sprachliches noch ein poetisches Interesse, welches ihn hierbei leitete, sondern lediglich ein ethisches. Aber der Schatz war doch der Wissenschaft übergeben, und Andere fanden sich bald, welche den Werth desselben
¹) Er nennt ihn„optimus vitiorum censor ac morum castigator acerrimus.-
²) cf. Lachmann: Vorrede zu Walther von der Vogelweide, pag. VII.
³) Speziell die Nibelungen sind jedoch ihm so wenig wie Goldast bekannt geworden.
³) Vergleiche hierzu: Gervinus: Geschichte der deutschen Dichtung, V. Auflage 1872. III. 270 ff.


