Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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J. Das Auftreten der Nibelungen seit der Mitte des XIII. Jahrhunderts.

Der letzte Hohenstaufe war in Italien gefallen, und mit ihm hatte man die Grösse seines Hauses und die Blüthe seiner Zeit begraben. Uebergeht man das nun folgende Interregnum, so glaubt man sich in eine völlig andere Welt versetzt. Verschwunden sind die glänzenden Höfe mit ihren Festen und Sängern; die Ritterschaft, welche in mancher edlen Erscheinung eine Zierde der Kunst gewesen war, wird roh und füllt mit Jagd, Fehden und Gelagen ihre Zeit aus. Die Städte wissen wohl, warum sie sich mit gewaltigen Mauern und drohenden Thürmen umgeben; die Zeit lehrt Jeden auf die Sicherheit von Leben und Eigenthum bedacht zu sein. So glaubt man in dem ledernen Koller und dem abgetragenen Reitermantel Rudolfs von Habsburg das Kennzeichen seiner Zeit zu sehen.

In dem fast unausgesetzten Tosen der Waffen während der Bürgerkriege schwiegen die Musen. Das Volk hat jedoch noch eine Erinnerung an seine früher im Liede gefeierten Helden gerettet, und aus dürftigen Andeutungen hat sich uns eine geringe Kunde davon erhalten. ¹) Doch standen gerade die vollendetsten Leistungen der Vergangenheit seinem Verständnisse am fernsten; naturgemäss erfreute es sich mehr an den derberen Gestalten und der mehr greifbaren Darstellungsweise der späteren Epen; unter seiner Hand gewannen dieselben auch nicht an Ver- edlung weder der Form, noch des Stoffes. Das Ende dieses stufenweisen Herabsinkens ist in abgeschlossener Form auf uns gekommen in dem»Heldenbuch des Caspar von der Röhne,»einer von allem poetischen Sinn entblössten, unglaublich geistlosen Arbeit« ²); damit war das Erlöschen der Heldensage nicht blos begreiflich, sondern nothwendig. Die älteren und edelsten Blüthen der eigentlichen Volkspoesie, die Nibelungen und Gudrun, waren unterdessen ganz in Ver- gessenheit gerathen. Auch die belebende Kraft der Buchdruckerkunst vermochte sie nicht aus dem Staube hervorzuziehen und sie wieder zum nationalen Gemeingut zu machen. Nur einzelne stille Preunde fanden sich, welehe auf dem mühsamen Wege des Abschreibens das gefundene Gut in ihren Besitz brachten, und der letzte dieser Freunde ist auch»der letzte Ritter«, Kaiser Maximilian I., welcher die Nibelungen 1502 1517 ³) durch Hans Ried(Zöllner am Eisack) ab- schreiben liess. ¹) Diese stille Pflege bot wenigstens das Gute, dass sowohl Form wie Inhalt möglichst genau gewahrt wurden, und höchstens die Sprachformen eine der Zeit angepasste Umünderung erfuhren. Damit ist aber die Tradition für uns geschlossen.

Der Druck hatte unterdessen für die Verbreitung entarteter Stücke der jüngeren Helden- sage eifrigst gesorgt. So wurde der Sigenôt schon 1510 in Strassburg gedruckt(ein anderer Druck ebenda 1577); in Nürnberg lieferte Valentin Neuber in der Mitte des Jahrhunderts schon einen Druck mit Holzschnitten. Kurz darauf erschien ebenda ein Druck des»Hörnen Siegfried«

¹) cf. W. Grimm: Die deutsche Heldensage, No. 135 ff.

²) cf. W. Grimm a. a. O. pag. 372.

²) cf. Pfeiffers Germania IX. 381 84. DasRiesenbuch« selbst wurde 1509 und seine Ornamentik 1517 vollendet.

) Früher war dieselbe auf Schloss Amras in Tyrol. Aus dem Nachlass des Erzherzogs Ferdinand II. wurde sie nach Wien gebracht.