Aufsatz 
Die Nibelungen in der deutschen Poesie
Entstehung
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Theiles eines Volkes durch seine Geschichte nachgehen, man würde in ihr die Kanäle erkennen, welche langsam und vielfach unbeachtet den Boden durchzogen und die Zeitideen weiter trugen, um plötzlich mit überraschender Energie und Allgemeingültigkeit hervorzubrechen und durch ihre Wucht dem Bestehenden eine ganz neue Gestalt zu geben. So würde die Litteraturgeschichte eines Volkes zu dessen Culturgeschichte im eminentesten Sinne. Aber die inneren Gesetze, nach welchen die Vorgänge auf dem Gebiete der Künste, wie auf dem speziellen der Litteratur, sich regeln, bleiben für unser Verständniss unfassbar. Für die Wiederkehr von Erscheinungen des äusseren Lebens haben wir zwar ein historisches Verständniss: die psychologischen Vorgänge aber im Leben des einzelnen Menschen wie ganzer Völker können wir nur divinatorisch zu begreifen suchen.

Haben also die Künste in ihrer Gesammtheit ihre Wurzel in dem nationalen Leben, so beansprucht die Poesie ebendasselbe in vorwiegendem Masse. Die Nationalgeschichte wird ihr also stets näher stehen wie die Universalgeschichte; aus der Vergangenheit des eignen Volkes wird sie mit Vorliebe zu schöpfen suchen, und von gewissen typischen Gestalten wird sie sich zu keiner Zeit ganz trennen.

Die nationale Sage, welche der Poesie doch ungleich näher steht als die Geschichte, sollte als Quelle der nationalen Poesie der Geschichte doch wenigstens coordinirt sein. Die deutsche Sage hat jedoch in dieser Beziehung ein eigenes Geschick gehabt. Nach ihrer höchsten Blüthe zur Zeit der Hohenstaufen ist sie zeitweise ganz verschollen gewesen; dann tauchten sporadische Erinnerungen an sie wieder auf, und unserem Jahrhundert ist es vorbehalten gewesen, sie von Staub und Schutt zu reinigen und zu neuem Leben zu erwecken. Nicht das Christenthum kann sie verdrängt haben, sonst hätte auch die Hohenstaufenzeit sie nicht pflegen können. Zufälligkeiten können aber die Schuld ihres zeitweisen Verschwindens auch nicht tragen, denn, wenn irgendwo, so ist doch gewiss in der Geschichte der geistigen Entfaltung sowohl des Individuums, wie eines ganzen Volkes, der Zufall ausgeschlossen.

Geleitet von der Annahme einer Wechselwirkung in der Natur wie der Geschichte, die im thatsächlichen Zusammenhang des Grössten mit dem Kleinsten eine gegenseitige Einwirkung voraussetzt, wollen wir eine Reihe von Einzelerscheinungen scheinbar untergeordneten Ranges beobachten und zu begreifen suchen; wir wollen an ihnen verstehen und erklären, dass auch das scheinbar Unbedeutende von dem grossen Strome der Zeit mitgetragen wird, und dass auch dem scheinbar Untergeordneten die Signatur seiner Zeit aufgeprägt ist. Wir stellen uns dabei ebensoweit von der Ueberschätzung der Vergangenheit, die aus falscher Pietät fliesst und stets begleitet ist von dem niederdrückenden Gefühl, Epigonen zu sein, wie wir uns nicht anmassen, das zweischneidige Schwerdt der historischen Gerechtigkeit zu führen, welches nur vernichtet, indem es richtet. Wir verwahren uns also ebenso sehr gegen eine übertriebene Voreingenom- menheit zu Gunsten der Sage, wie wir uns frei zu machen suchen von einer unkünstlerischen, secirenden Objectivität, der das Vergangene entweder schon todt ist, oder doch unter ihren Händen den letzten Athemzug aushaucht; die in sich weder den Trieb noch die Kraft spürt, nun auch den Schutt aufzuräumen und auf dem gewonnenen Boden neu zu bauen; der es an der liebevollen Pietät fehlt, welche von der Zukunft neues Leben erhofft und neues Leben aus den Ruinen erblühen sieht.