Die Nibelungen in der deutschen Poesie.
Dieweil die Welt steht wird erhaben, Schlachtengebieter, bleiben dein Name. (Edda-Gripispa 23.)
Könnte man die Geschichte der Raphael'schen Madonnen schreiben von ihrer künst- lerischen Conception in der Seele des Meisters bis zu ihrer vollendeten Ausführung: welchen Einblick in den Entwicklungsgang des reifenden Künstlers wie des Menschen würden wir ge- winnen! Oder könnte man bis zu den Anfängen der christlichen Malerei die abgestufte Auf- fassung der Madonnenbilder verfolgen, von der Holbein'schen strengen Majestät bis zur Overbeck'’schen Weichheit: welche Streiflichter auf die verschiedenen Zeitepochen würden sich ergeben!
Durchwandert man die sämmtlichen Gebiete der Kunst, man findet überall neben ephemeren Stoffen, welche die Kunst zur Darstellung verführen oder ihr von dem Tagesinteresse aufgenöthigt werden, solche, welche ein stetiges Problem für die Kunst bleiben und jede Generation zur Lösung anspornen. Wir stehen vor der fertigen Leistung und verfolgen den Gedankengang des Künstlers in umgekehrter Richtung bis zu seinem idealen Vorbilde; und indem wir dieses mit dem unsrigen vergleichen, gewinnen wir den subjectiven Massstab zur Beurtheilung seines Kunstwerkes.
Fast genau ebenso steht es mit der poetischen Litteratur. Die Poesie kennt nur ein oberstes Problem, das ist der nach dem Idealen strebende Mensch in seinem Handeln, seinem Geniessen und seinem Leiden. Anders waren die Ideale der griechisch-römischen Welt, nach anderen Zielen strebte das germanische Alterthum, nach ganz Anderem ringt unsere Zeit. Aber die innerste Menschennatur mit ihrem Fühlen und Denken, Wollen und Hoffen ist doch dieselbe geblieben; darum darf die Poesie, im weiteren Sinne, über die Grenzen ihrer Zeit hinaus greifen auf solche geschichtliche Erscheinungen, in denen sie eine Verwandtschaft mit der Gegenwart zu erkennen glaubt, und darf hoffen, aus deren Vergleichung mit den eignen Idealen eine weitere Annäherung an die Lösung des eignen Problems zu gewinnen. So schöpft die Poesie fort- während aus dem grossen Strome der Geschichte, und was sie an Resultaten errungen hat, führt sie unmittelbar ihrer Zeit wieder zu, damit dieselbe das Gewonnene sogleich in dem äusseren Leben wieder zu künstlerischer Gestaltung bringe.
In welcher Wechselwirkung stehen nun die Strömungen des politischen und sozialen Lebens mit den sittlichen und ästhetischen? Wie gehen aus diesem Streite die Gesammt- anschauungen einer Zeit hervor? Könnte man nur der Unterhaltungslectüre des gebildeten


