Aufsatz 
Ziele und Wege des naturwissenschaftlichen Unterrichts / von Heinrich Reichenbach
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

verglichen mit den Kryptogamen, den Wirbeltieren oder gar den wirbellosen Tieren. Sollte hier nicht ein Grund verborgen liegen, daß man dem biologischen Unterricht von vielen Seiten mit Mißtrauen begegnet, daß immer und immer wieder in einseitiger Weise bei dem Unterricht die Systematik in den Vordergrund geschoben wird, weil in der That das in der Schule zu behan- delnde biologische Wissen auf dem Gebiet der Phanerogamen für die unteren und mittleren Stufen ein wenig den Charakter der Einförmigkeit tràgt? Ieh stehe nicht an, zu behaupten, daß in der That ein nicht überall anzutreffendes Lehrgeschick erforderlich ist, um länger als fünf Jahre das Interesse der Schüler für diese eine Pflanzengruppe aufrecht zu halten. Ich will nun keineswegs behaupten, die Phanerogamen seien nicht in ausgedehnterem Maße als die Krypto- gamen zu behandeln. Im Gegenteil: ihre Größe, ihr meist einfacher Bau, die Leichtigkeit der Beschaffung lebender Exemplare, so daß beim Unterricht jeder Schüler eines zur Hand hat, machen sie zu einem geradezu unschätzbaren Unterrichtsmittel. Aber mehr als zwei Drittel der ganzen Schulzeit ist zu viel. Man kann mit größtem Nutzen hier Zeit und Kraft gewinnen. Es ist nun aber nicht meine Meinung, die erübrigte Zeit etwa den Kryptogamen zuzuwenden; diese sind für die Schule meist viel zu schwierig; ihre Fortpflanzungsorgane sind von mikroskopischen Dimensionen und ihre Rolle im Haushalt der Natur ist nur in einigen Beziehungen von ein- schneidender Bedeutung. Man kann sich hier beschränken auf wichtige Farne, Schachtelhalme, Moose, Algen, Pilze und Flechten, die man an Vertretern biographisch behandelt. Die eßbaren und giftigen Schwamme können sogar ganz gut schon in Quarta und Tertia auftreten. Sie fin- den immer ein dankbares Publikum und bringen eine angenehme Abwechslung in den Unter- richt, der hier nur Blütenpflanzen behandelt. Für die Kryptogamen wäre also die gewonnene Zeit nicht zu verwenden. Für dieselben genügt etwa ein energisch durchgearbeitetes Sommer- semester mit 1 St. wöchentlich. Die erübrigte Zeit und Kraft sollte man, wie ich meine, einem Gebiet zuwenden, dem sicherlich zu wenig Raum gegönnt ist, und dies sind die niederen Tiere. Nach obiger Unterrichtsverteilung kommt auf die niederen Tiere ein einziges Winter- semester. Fünf Sechstel der dem zoologischen Lehrstoff gewidmeten Zeit gehören den Wirbel- tieren. Nun hat aber doch unser Wissen auf dem Gebiet der niederen Tierwelt in den letzten Jahrzehnten sich so erweitert und vertieft, daß die Forderung an die höheren Schulen, hier nicht zurück zu bleiben, immer dringender geworden ist. Man denke nur an die Großartigkeit der Insektenwelt und ihre Bedeutung für den Menschen. Bau und Entwicklung der Insekten, ihr zuweilen massenhaftes und dem Menschen und seinen Einrichtungen verderbliches Auftreten (Reblaus, Wanderheuschrecke), aber auch ihre Lebensweise, ihre Bauten und Staaten, ihre hoch- entwickelten Instinkte, die parasitisch lebenden Gattungen, dann ihre Farbenpracht und unend- liche Manigfaltigkeit der Pormen geben reicheren Stoff als irgend eine andere Tierklasse. Nennen wir noch die wichtigen Klassen der Spinnen und Krebse, so bietet schon der Kreis der Gliederfüßler allein überreiches Material für ein Semester. Nun bleiben noch die Weichtiere, also Muscheln, Schnecken, Tintenfische, die Würmer mit den für den Menschen so wichtigen Formen wie Regenwurm, Blutegel, Trichine, Spulwurm, Bandwurm u. a.; die abenteuerlichen Seesterne, Seeigel und Seewalzen wird der Lehrer, wenn er conserviertes oder gar lebendes Material besitzt, gewiß nicht unerwähnt lassen. Jetzt fehlen nur noch die Quallen und Polypen mit ihrem so merkwürdigen Generationswechsel und ihren polymorphen Tierstaaten, die überall zu findende Hydra nicht zu vergessen, die Seerosen mit ihrer Farbenpracht, die Korallen und ihre Bauten, die Schwamme und Urtiere. Hier liegt so viel Bildungsstoff, so viel reiches und viel- seitiges Leben, so viel Anregung zum Selbstbeobachten, zum Weiterstudieren auch nach der 3