Aufsatz 
Ziele und Wege des naturwissenschaftlichen Unterrichts / von Heinrich Reichenbach
Entstehung
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Wir haben oben die heimatliche Fauna und Flora besonders betont. Selbstverständlich ist nicht ausgeschlossen, ja sogar unbedingt zu fordern, daß auch nicht einheimische Formen behandelt werden.

Fassen wir zusammen:

Der Unterricht in der Biologie muß an die wichtigsten Vertreter aus allen Gruppen von Tier- und Pflanzenreich, insbesondere an einheimische, biographisch behandelt, anknüpfen, wobei auf Grund von vergleichend-anatomischen Ergebnissen die Grundzüge, aber nur die Grundzüge des natürlichen Systems aufgestellt werden. Die wissenschaftliche Nomenklatur ist nur nebenbei zu erklären und darf als obligatorischer Lehrstoff nicht betrachtet werden.

Hauptsache bleibt, Pflanzen und Tiere als lebende Wesen aufzufassen und deren Verständnis innerhalb der gegebenen Grenzen anzubahnen. Innerer Bau und Leistung der ver- schiedenen Organsysteme, die Beziehungen zur Außenwelt müssen so eingehend wie möglich be- handelt werden. Nebenbei können die Beziehungen zum Menschen erörtert werden.

Den Bestimmungen vom 31. März 1882 gemäß, war bis vor einigen Jahren die Vertei- lung des biologischen Lehrstoffs an der Adlerflychtschule wie folgt, geordnet:

Sexta. Vertreter aus den Hauptgruppen des Tier- und Pflanzenreichs. 2 St.

Quinta. Im Sommer Botanik: Beschreibung und Vergleichung gut charakterisierter Arten und Gattungen.

Im Winter Zoologie: Skelett des Hundes. Säugetiere. Uebungen im Bestimmen einzelner Säugetierknochen. 2 St.

Quarta. Im Sommer Botanik: Die wichtigsten Familien der einheimischen dikotylen Pflanzen.

Im Winter Zoologie: Skelett der Gans. Die Vögel, insbesondere die bekannten einhei- mischen. Uebungen im Bestimmen einzelner Skeletteile der Säugetiere. 2 St.

Tertia. Im Sommer Botanik: Keimung und Knospung. Nadelbäume, Graser, einige ausländische Kulturpflanzen.

Im Winter Zoologie: Reptilien, Amphibien, Fische. Vergleichung der Wirbeltierklassen. 2 St.

Sekunda. Im Sommer Botanik: Wiederholung und Erweiterung der früheren Pensa. Grund- züge des natürlichen Systems. Einige schwierigere Pflanzenfamilien. Vertreter der Kryptogamen.

Im Winter Zoologie: Naturgeschichte der Insekten, Spinnen, Krebse, Tausendfüßler, Weichtiere. Würmer, Stachelhäuter, Polypen und Urtiere. 2 St.

Unterprima. Im Sommer Botanik: Die wichtigsten einfachen Kapitel aus der Ana- tomie und Physiologie der Pflanzen.

Im Winter: Das Wichtigste aus der Anatomie und Physiologie der höheren Tiere und des Menschen mit Berücksichtigung der Hauptforderungen der Gesundheitslehre. 2 St.

Die Erfahrungen über diese Verteilung drängen nun zu folgenden Erwägungen:

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der zoologische Lehrstoff, der zugleich auch die Anthropologie in sich fassen soll, weitaus viel reichhaltiger, vielseitiger, schwieriger und wich- tiger ist und die Jungen ungleich mehr erfaßt und anregt, als der botanische. Und doch sind beiden Fächern die gleiche Anzahl von Stunden gewidmet. Dazu kommt noch, daß nur eine ein- zige Pflanzengruppe, nämlich die Phanerogamen, vier Semester ausschließlich und im fünften zum Teil behandelt wird, während den Kryptogamen nur der Rest des 5. Semesters gewidmet wer- den kann. Nun ist doch nicht zu leugnen, daß die Phanerogamen eine verhältnismäßig einför- mige Gruppe bilden, insbesondere, wenn man das biologische Moment ins Auge faßt, wenigstens