Aufsatz 
Ziele und Wege des naturwissenschaftlichen Unterrichts / von Heinrich Reichenbach
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

Schulzeit, hier ist so viel Gelegenheit, die Liebe zur Natur und ihren herrlichen Geschöpfen zu wecken, daß eine Nichtberücksichtigung dieser Tiergruppen ein Unrecht an unserer Jugend wäre. Dazu kommt, daß ein großer Teil dieser Tiergruppen lebend beobachtet werden kann, sei es, daß die Schüler selbst die Tiere mitbringen, sei es, daß der Lehrer kleine Aquarien unterhält, und lebende Tiere unter zielbewußter Anleitung des Lehrers zu beobachten, ist für die Schüler immer ein wahres Freudenfest. Und welchen Aufschwung hat die Kunst des Konservierens in den letzten Jahrzehnten genommen. Die zoologische Station in Neapel unter der Leitung des treff- lichen Anton Dohrn bringt in ihren mit nicht allzugroßen Mitteln zu beschaffenden Präparaten die ganze Pracht der Seetiere zur Anschauung. Hier sollte man nicht sparen, für die Jugend ist immer das Beste gut genug. Wie auf dem Gebiet der Botanik, so kann auch hier durch direktes Anschauen, sowie durch die jetzt gar nicht seltenen, künstlerisch vollendeten Darstellungen, wie sie z. B. aus dem lithographischen Institut von Werner und Winter zu Frankfurt a. M. hervor- gegangen sind oder in Brehm und andern Werken sich finden, die ästhetische Seite der natur- wissenschaftlichen Bildung in hervorragendem Maße berücksichtigt werden. Man beobachte nur die glänzenden Augen und die freudigen Gesichter unserer Jungen, wenn man ihnen z. B. die schönen farbigen Darstellungen der Seerosen aus dem Neapeler Aquarium vorlegt. Auch kann auf dem fraglichen Gebiet der leicht erwachende Sammeleifer der Jugend geweckt und in richtige Bahnen gelenkt werden. Freilich in großen Städten, bei der großen Zahl von Schuk, Musik- und Nach- hilfestunden, bei den oft nicht wenigen Hausaufgaben, bei der Pflege des Ruder-, Rad- u. s. w. Sports nimmt die früher weit mehr im Schwung gewesene Sammellust der Jugend mehr und mehr ab.

Hochwichtige Kapitel der Biologie, wie Parasitismus, Commensalismus, Generations- wechsel, Polymorphismus, Vermehrung durch Knospen, rückschreitende Metamorphose, Regene- ration und Reproduktion, Mimicry u. a. lassen sich nur an niederen Tieren behandeln, wenn auch nicht mit Vollständigkeit und mit den gelehrten Bezeichnungen.

So viel scheint mir aus dem Erörterten zu folgen: dem Gebiet der niederen Tierwelt muß mehr Zeit und Kraft gewidmet werden. Da nun keine Aussicht vorhanden ist, dem natur- wissenschaftlichen Unterricht mehr Stunden zuweisen zu können, so wäre es wohl das Richtige, den Phanerogamen weniger Zeit einzuräumen und die dadurch gewonnene für die niederen Tiere zu verwenden. Ebenso halte ich es für ausführbar, unbeschadet der Gesamtziele der Biologie, die Zeit für die Wirbeltiere etwas zu beschränken. Auf meinen Vorschlag wurde an unserer Anstalt mit Einwilligung der Behörde ein Versuch in genannter Richtung angebahnt: In Sekunda wurde wäh- rend des Sommersemesters von den zwei der Biologie gewidmeten Stunden eine für niedere Tiere(Krebse, Spinnen, Insekten und Tausendfüßler) und eine für Kryptogamen verwendet und es wurden gute Erfahrungen dabei gemacht. Im Nachfolgenden wird nun eine Verteilung des biologischen Lehrstoffes, die den oben ausgeführten Forderungen gerecht werden soll, versucht werden.

1. Pflanzenkunde(Botanik).

Sexta: 2 St. Biographische Behandlung leicht verständlicher Phanerogamen. Kultur- pflanzen, Nutz- und Zierpflanzen.

Quinta: 2 St. Fortsetzung des früheren Pensums. Vergleichung verwandter Pflanzen. Ableitung der Begriffe: Art, Gattung, Familie. Die Familien der Lilien, Nachtschatten, Kreuz- blüter, Lippenblüter, Rachenblüter, Schmetterlingsblüter u. a. je nach Gelegepheit. Eingehen