Aufsatz 
Ziele und Wege des naturwissenschaftlichen Unterrichts / von Heinrich Reichenbach
Entstehung
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Albersia Blitum, Diplotaxis muralis und zahllose andere, die in oben genanntem Register nicht

verzeichnet sind). Viele Namen hörest du an, und immer verdränget Mit barbarischem Klang einer den andern im Ohr.

Nun will ja der Verfasser obiger Pflanzenkunde gewiß nicht, daß der Sextaner und Quintaner die Namen lernen soll. Warum giebt er sie ihm aber in die Hand?

Das Register eines Leitfadens für Zoologie enthält über siebenzehnhundert Namen von Tieren, welche im Text selbst auch noch mit den im Register nicht aufgeführten Speciesnamen versehen sind, die der Verfasser gewiß auch nicht gelehrt und gelernt haben will. Auf vier eng gedruckten Seiten enthält das Inhaltsverzeichnis das zoologische System bis zu den Familien herab, also noch keine Gattungen und Arten. Es sind dies wieder an 400 Namen und nur deutsche Namen. In dem Buch erscheinen diese alle wieder und noch mit den lateinischen und griechischen wissenschaftlichen Bezeichnungen. Der zweite Teil der oben erwähnten Pflanzen- kunde für den Unterricht an höheren Lehranstalten enthält am Schluß auf 24 Seiten eine Uber- sicht über das natürliche Pflanzensystem mit vielen hundert deutschen und botanischen Namen. Sollen nun diese Bücher zum Nachschlagen in gewissen Fällen dienen, so kann man ja eine ge- wisse Vollstandigkeit gut heißen. Diese Vollständigkeit kann aber bei dem ungeheuren Wissens- stoff in Botanik und Zoologie gar nicht genügen. Der Titel Leitfaden läßt nun auf einen Ge- brauch beim Unterricht schließen und hiergegen müssen wir uns wenden. Die Hauptaufgabe des Unterrichtes auf dem morphologischen Gebiet ist Selbstsehen, Selbstbeobachten, Vergleichen, Zeichnen, Aussprechen und Zusammenfassung des Gesehenen, ferner Vervollständigung durch An- gaben über Leben, Lebensbedingungen, Aufenthalt, geographische Verbreitung, geologisches Alter, Nutzen, Schaden u. s. w. zu einer kurzen biographischen Skizze. Wo bleibt da die Zeit für jene Flut von Namen, die zum allergrößten Teil gar nicht verstanden werden können.

Hier soll nun noch beherzt und kühn eine Forderung offen ausgesprochen werden, die sich mir immer mehr aufgedrângt hat: Fort mit den griechischen und lateinischen wissenschaft- lichen Namen, die nur für den Fachgelehrten von Wert sind, aus dem biologischen Schulunterricht. Man kann ja bei der Entwicklung der Begriffe Art, Gattung etc. die ungeheuren Vorteile der exakten wissenschaftlichen Nomenklatur erörtern, man kann auch bei den zu zeichnenden Skizzen hier und da gewiß die wissenschaftlichen Bezeichnungen beifügen, damit der Junge weiß, was die Schildchen im naturhistorischen Museum, im botanischen und zoologischen Garten für eine Bedeutung haben. Einige Bezeichnungen sind wohl auch nützlich zu wissen(Phylloxera, Bacillus), andere besser als die deutschen Namen(Trichina statt Haarwurm, Sepia statt gemeiner Tinten- fisch). Der verständige Lehrer trifft hier gewiß die richtige Wahl und viele der Namen werden von den Schülern gern und leicht von selbst behalten. Man kann auch einmal die Species einer Gattung mit den fraglichen Bezeichnungen als Beispiel anführen(Viola tricolor, Viola odorata, Viola canina); aber man kann sie nicht als Lehrstoff bezeichnen. Aus den Lehrbüchern für die Hand der Schüler können sie bis auf eine geringe Anzahl ohne jeden Schaden ausge- merzt werden. Was braucht der Schüler zu wissen, daß der Hirschkäfer Lucanus cervus, der Mistkäfer Geotrupes stercorarius, das Pferd Equus caballus heißt und laut sei es geklagt: diese Namen sind nicht einmal konstaut, sondern wechseln durch den Eifer der Systema- tiker so oft, daß unsere alten, ehrlichen deutschen Bezeichnungen gar manchmal rascher da- rüber aufklären, von was für einem Geschöpf die Rede ist. In der Schulzeit können nun die