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nur praktischen Wert für den Anfänger im Pflanzenbestimmen; aber auch hier nur einen sehr bedingten. Mag es ausnahmsweise einmal auch dem Anfänger oder dem Dilettanten gelingen, mittels der Linné'schen Schlüssel eine aufgelesene, auffällige Pflanze zu bestimmen; aber er wird doch gut thun, hernach noch einen geübten Botaniker zu fragen, oder eine naturgetreue Abbildung zu vergleichen, um ganz sicher zu sein. Denn Täuschungen sind nicht selten. Bei schwierigen Gruppen, wie Gräsern, Kompositen, Weiden u. v. a. wird aber der ganze Apparat versagen. Sicheres Pflanzenbestimmen kann nur durch langjäahrige Uebung, eifriges Sammein und in nicht zu jugendlichem Alter erlernt werden. Zu Floristen können und wollen wir unsere Schüler aber gar nicht erziehen. Nicht Spezialbildung, sondern allgemeine Bildung ist unsere Aufgabe und da haben wir in der Botanik ganz andere und wichtigere Dinge zu erledigen. Hat ein Schüler tieferes Interesse an botanischen Studien, was meist in reiferen Jahren eintreten wird, so wird er durch Studieren im Leunis oder in irgend einem Taschenbuch der deutschen Flora in wenig Stunden klar und deutlich wissen, was das Linné'sche System will und wie es mit Vorteil verwendet werden kann. In der Schule es zu lehren, ist etwa so, wie wenn man in Realanstalten das griechische Alphabet lernen ließe, damit man griechische Worte im Lexikon nachschlagen könnte, und hinterher sagen wollte, das sei jetzt griechischer Unter- richt gewesen.
Anders steht es mit dem natürlichen System. Es ist sozusagen der auf die kürzeste Form gebrachte Ausdruck unseres Wissens über die morphologischen Beziehungen in der Lebe- welt, mit einem Wort: der Stammbaum. Wenn also ein System gelernt werden soll, so kann es nur das natürliche sein. Aber wie weit sollen die Grenzen abgesteckt werden? Nach meiner An- sicht kann es sich hier nur um die allereinfachsten Grundzüge handeln, zumal zu einem Ver- ständnis des Systems die Embryologie und die Kenntnis nicht in die Schule gehöriger Ergeb- nisse unerläßlich sind.
Wenn ich die moderne Strömung auf dem Gebiet des höheren Schulenwesens recht ver- stehe, so handelt es sich im wesentlichen um Reduktion des Gedächtnisstoffes, um die Beseiti- gung der Vielwisserei*). Hier auf dem biologischen Gebiet kann vieles entfernt werden, ohne der gesunden Auffassung der Lebewelt bei unsern Schülern im mindesten zu schaden. In dem Register einer mir vorliegenden Pflanzenkunde für die beiden Unterstufen von höheren Lehr- anstalten, also für Sexta und Quinta, finden sich über 400 deutsche und wissenschaftliche Namen von Pflanzengattungen. Die Artnamen betragen mehr als das Dreifache. Die Bestimmungs- tabellen zum Aufsuchen der Linné'schen Klassen enthalten auf 40 Seiten ebenfalls viele hundert Namen, sowohl deutsche als wissenschaftliche aus dem Lateinischen und Griechischen(darunter
*)„Hingegen ist das viele Wissen der gewöhnlichen Gelehrten tot; weil es, wenn auch nicht, wie oft der Fall ist, aus bloßen Worten, doch aus lauter abstrakten Erkenntnissen besteht: diese aber behalten ihren Wert allein durch die anschauliche Erkenntnis des Individuums, auf die sie sich beziehen, und die zuletzt die sämtlichen Begriffe realisiren muß. Ist nun diese sehr dürftig, so ist ein solcher Kopf beschaffen, wie eine Bank, deren Assignationen den baaren Fonds zehnfach übersteigen, wodurch sie zuletzt bankerott wird. Daher, während manchem Ungelehrten die richtige Auffassung der anschaulichen Welt den Stempel der Einsicht und Weisheit auf die Stirne gedrückt hat, trägt das Gesicht manches Gelehrten von seinen vielen Studien keine anderen Spuren, als die der Erschöpfung und Abnutzung, durch übermäßige, erzwungene Anstrengung des Ge- dächtnisses zu widernatürlicher Anhäufung toter Begriffe: dabei sieht ein solcher oft so einfältig, albern und schaafmäßig darein, daß man glauben muß——— der natürliche, richtige Blick werde durch das Bücherlicht mehr und mehr geblendet.“(Schopenhauer a. a. O. S. 84.)


