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trum, im Brennpunkt des Unterrichtes zu stehen hat, nicht die systematische Einteilung oder Nutzen und Schaden.
Lehrziele. Bei der Aufgabe, für die Biologie im allgemeinen das Lehrziel abzustecken, gerät man in nicht geringe Schwierigkeiten. Diese sind weit größer als bei der gleichen Aufgabe für Physik und Chemie, wo alles viel klarer liegt. Geben auch die Lehrpläne vom 31. März 1882 und die näheren Bestimmungen dazu die allgemeine Direktive, so bleibt doch bei der Ausführung ein beträchtlicher Spielraum, wie ja schon daraus folgt, daß die einheimische Fauna und Flora hervorragend berücksichtigt werden soll.
In erster Linie steht wohl die Forderung, daß der Schüler die ihn umgebende Natur, insbesondere Pflanzen und Tiere seiner Heimat aus eigener Anschauung kennen und wertschätzen und lieben lernen soll. Bei der ungemeinen Reichhaltigkeit des Materiales ist eine auch nur an- nähernde Vollständigkeit nicht zu erreichen. Es wird daher auf eine verständige Auswahl zu denken sein, die je nach Art der Schule und Beschaffenheit der Lehrmittelsammlung variieren kann. Immerhin ist es möglich, die Forderung zu stellen, Repräsentanten aller wichtigen Pflanzen- und Tiergruppen biographisch zu behandeln, d. h. nicht bloß àußere Form und systematische Merkmale, Nutzen oder Schaden u. dgl., sondern auch Entwicklung und alle Lebenserscheinun- gen sind zu berücksichtigen. Wir haben manchen Ausschreitungen aus dem Wege zu gehen. Minutiös genaue Beschreibung auch der unbedeutendsten Merkmale nach Art der Lüben'schen Methode ist zu verwerfen.
Auf den mittleren und höheren Stufen wird sich ganz von selbst die Notwendigkeit zum Vergleichen einstellen; die gut vom Lehrer geleitete vergleichend-anatomische Betrachtung läßt sich nun, immer entwickelnd, so führen, daß Verwandtschaftsbeziehungen zu Tage treten, welche zur Aufstellung des Systems zu verwerten sind. Wir stellen also nicht von vornherein ein System auf, sondern wir gelangen erst auf Grund von vergleichend-anatomischen Unter- suchungen zu gemeinsamen Merkmalen, die uns in die Lage bringen, Pflanzen und Tiere in Reihen und Gruppen zu ordnen. Wir beachten dabei auch die Entwicklung. So z. B. wird uns der Bau des Keimlings der Phanerogamen wichtige Kennzeichen für Verwandtschaftbeziehungen liefern. Wenn wir im Frühjahr in schnell improvisierten Aquarien die Entwicklung der Frösche beobachten lassen, so werden wir an den Larven Merkmale finden, die an die Fische erinnern, die aber auch die Salamander und Molche als zur Sippe gehörig kennzeichnen. Auf diese Weise lassen wir die Schüler die Überzeugung gewinnen, daß in dem scheinbaren Chaos von Formen eine Ordnung herrscht, daß verwandtschaftliche Züge durch die ganze Pflanzen- und Tierwelt sich erkennen lassen. Die Grundprinzipien der Systematik lassen sich also leicht und für den Schüler anregend entwickeln. Und hiergegen wird auch wohl von keiner Seite ein Widerspruch erhoben werden.
Stellen wir aber die Frage, ob der Schüler ein System etwa lernen soll, und welches? dann werden wir sehr verschiedenen Meinungen begegnen.
In der Botanik wird von vielen Seiten das Linné'sche künstliche System empfohlen, und es giebt heute noch Schulen, wo dies System„aufgesagt“ wird, und im Fall des Nichtkönnens wird das Linné'sche System zur Strafe, oder nach mehr optimistischer Auffassung„zur UÜbung“ mehrmals abzuschreiben als Aufgabe gegeben. Daß da ein gesunder Junge an der Botanik und an dem ganzen biologischen Unterricht einen unüberwindlichen Abscheu bekommt, der ihm für sein ganzes Leben alle ähnlichen Dinge verleitet, ist nur zu natürlich. Ich meine, es wäre jetzt an der Zeit, das Linné'sche System aus den obligatorischen Forderungen zu entfernen. Es hat


