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1. Biologie(Naturgeschichte).
Hierher gehören Botanik und Zoologie. In unseren Lehr- und Stundenplänen, in unseren Zeugnisformularen heißen diese Fächer„Naturbeschreibung“,„beschreibende“ oder„descriptive Naturwissenschaften“.— Diese Bezeichnungen entstammen einer früheren Periode und siud heute nicht mehr ganz zutreffend. Abgesehen davon, daß der Ausdruck„beschreibende Wissen- schaft“ einen Widerspruch in sich selbst enthält(etwa wie wenn der Physiker in der Vorlesung seine Apparate mit allen Schräubchen und Federn, Hebeln und Rollen, mit allen Ingredienzien sorgfältig beschreiben und dann seine Zuhörer schleunigst verlassen wollte, ohne Funktion, Ur- sache und Wirkung, Zusammenhang der Naturkräfte u. s. w. erörtert zu haben), so muß man sich doch bewußt werden, daß diese Disciplinen einen ganz anderen Inhalt bekommen haben, als der vor 100 Jahren war, wo man mit dem großen Linné einmal erst die äußeren Formen beschrieb, sichtete und ordnete und in dem Chaos aufräumte. Seit Cuvier und Lamarck, seit Karl Ernst Baer und Johannes Müller und den modernen großen Meistern unserer Wissenschaft stehen wir ja auf ganz anderem Boden. Wir suchen die Lebewesen nicht aufzuzählen, sondern unsere Aufgabe ist, die Lebewelt zu begreifen, ihren Zusammenhang und ihre Abhängigkeit von der leblosen Natur nach Ursache und Wirkung zu verstehen, das Verhältnis von Bau und Funk- tion bloßzulegen. Man stellt der Zoologie und Botanik, weniger der Mineralogie, noch heute oft mit großem Eifer und nicht ohne vornehme Uberlegenheit die Chemie und Physik als die exakten Wissenschaften gegenüber; soweit es sich hierbei um die chemischen und physikalischen Wahrheiten handelt, welche sich quantitativ scharf fassen und mathematisch exakt behandeln lassen, kann man freudig zustimmen. Aber die Atomtheorie, die Theorie vom Weltäther, die Lehre von der Wertigkeit sind nicht exakter als unsere entwickelungsgeschichtlichen Theorien auf dem biologischen Gebiet, oder als die Zellentheorie und die Theorie der Befruchtung; und außerdem hat die Biologie auf physiologischem Gebiet auch sog. exakte Resultate.
Hat nun die Biologie einen tieferen Gehalt bekommen, so muß die Schule mitgehen; sie kann doch nicht auf veraltetem Standpunkte verharren, und das thut sie ja auch nicht. Welcher Lehrer wird z. B. nicht bei dem Vogel die Eigentümlichkeiten im Bau des Körpers und insbesondere der Flügel erörtern, die mit dem Fluge im Zusammenhang stehen? Der Unter- richt von heutzutage muß die Bedingungen aufsuchen, die bei dem Leben im Wasser, bei dem Schwimmen unserer Fische maßgebend sind; der Lehrer wird gelegentlich der Besprechung der Schwimmblase das Archimedische Prinzip behandeln müssen, und wenn dann noch durch ver- gleichend anatomische Betrachtung dargethan wird, daß der beim Schwimmen propulsiv wir- kende Schwanz die verlängerte, bewegliche, mit kräftiger Muskulatur versehene Wirbelsäule dar- stellt, daß Brust- und Bauchflossen den Vorder- und Hintergliedmaßen der übrigen Wirbeltiere gleichwertig sind, daß die Schwimmblase eine modifizierte Lunge ist, die einen Funktionswechsel durchgemacht hat, daß sie die größte Aehnlichkeit mit den Lungen der Molche und Frösche aufweist, die als Larven in vielen auffälligen Merkmalen(Kiemen) mit den Fischen über- einstimmen— und Aehnliches auf allen anderen Gebieten der Zoologie und Botanik— so kann man doch nicht mehr von Naturbeschreibung reden. Diese Bezeichnung trifft den Inhalt nicht mehr und muß den Schüler verwirren. Treffender scheint mir der Name„Naturgeschichte“ zu sein; vielleicht noch besser wäre die Bezeichnung„Biologie“,„die Lehre von den Lebe- wesen“. Zugleich würde die Bezeichnung Biologie sofort präzisieren, dab das Leben im Cen-
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