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aus Büchern oder aus dem Mund der Autorität, sondern aus der Wirklichkeit selbst lernen zu lassen. Selbstsehen, das Beobachtete in einfacher, klarer Weise aussprechen und dann ein gut und einfach begründetes Urteil über den Zusammenhang der beobachteten Thatsachen mit an- deren ähnlichen bilden, und soweit wie möglich die Ursachen der beobachteten Erscheinungen auffinden— das wird die Hauptsache sein.
„Die Anschauungen liefern den realen Gehalt alles unseres Denkens und überall, wo sie fehlen, haben wir nicht Begriffe, sondern bloß Worte im Kopf.“(Schopenhauer, sämtliche Werke 1877, Bd. III, S. 76.)„Hingegen anschauen, die Dinge selbst zu uns reden lassen, neue Verhaltnisse derselben auffassen, dann aber dies alles in Begriffe absetzen und nièderlegen, um es sicher zu besitzen! das giebt neue Erkenntnisse.“„Eben darum ist Betrachtung und Beobach- tung jedes Wirklichen, sobald es irgend etwas dem Beobachter Neues bietet, belehrender als alles Lesen und Hören. Denn sogar ist, wenn wir auf den Grund gehen, in jedem Wirklichen alle Wahrheit und Weisheit, ja, das letzte Geheimnis der Dinge enthalten, freilich eben nur in concreto, und so wie das Gold im Erze steckt! es kommt darauf an, es herauszuziehen. Aus einem Buche hingegen erhält man im besten Fall die Wahrheit doch nur aus zweiter Hand, öfter aber gar nicht.“(a. a. O. S. 77.)„Aber auch die Weisheit, die wahre Lebensansicht, der richtige Blick und das treffende Urteil gehen hervor aus der Art, wie der Mensch die anschau- liche Welt auffaßt, nicht aber aus seinem bloßen Wissen, d. h. nicht aus abstrakten Begriffen“. (a. a. O. S. 83; vergl. ferner S. 84 ff., überhaupt das Kapitel: Vom Verhältnis der anschauen- den zur abstrakten Erkenntnis.)
Also die alte pädagogische Forderung Pestalozzi's:„Anschauung“. Und hierbei ist we- niger der Stoff, sondern weit mehr die Methode für den Wert des Unterrichts entscheidend. Nicht, ob in Botanik und Zoologie ein System gelehrt wird, sondern wie der Schüler zu dem System durch Vergleichen gelangt; nicht, daß die magnetischen Erscheinungen eigentlich elek- trische sind, soll gelernt werden, sondern der Schüler soll durch die Ampère'schen Versuche selbst zu dieser UÜberzeugung gelangen. In richtiger Würdigung dieser entscheidend wichtigen Verhältnisse heißt es auch in den Erläuterungen zu dem Lehrplan für die Realgymnasien und die Ober-Realschulen vom 31. Màrz 1882:„Dem entsprechend ist das Streben immer mehr darauf gerichtet, die Schüler zur Beobachtung und Beschreibung einzelner Naturkörper anzu- leiten und durch Vergleichung verwandter Formen zum Verständnis des Systems hinüberzufüh- ren, und neben dieser Einführung in die systematische Ordnung mit den wichtigsten Erschei- nungen und Gesetzen des Tier- und Pflanzenlebens bekannt zu machen. Auf Vollständigkeit des Materiales ist kein besonderes Gewicht zu legen.“
Also auch hier ist die Methode, die Bildung und Kräftigung des gesunden Menschen- verstandes, in den Vordergrund gerückt. Werfen wir nun einen kurzen Blick auf die Ziele und Wege des naturwissenschaftlichen Unterrichts in den einzelnen Fächern. Wir trennen sie dabei in zwei Gruppen:
1. Biologie(Naturgeschichte), 2. Physik und Chemie nebst Mineralogie.
Die Naturgeschichte der drei Reiche den exakten Naturwissenschaften gegenüber zu stellen, geht nicht mehr.—


