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selbst nachdenken, mit Begierde erfaßt und mit Interesse verarbeitet. Wir stehen also der er- freulichen Thatsache gegenüber, daß sich die Naturwissenschaften ganz von selbst freie Bahn schaffen, daß sie immer weitere Volkskreise beeinflussen und beherrschen. Nichts wird sie in ihrem Siegeslaufe dauernd aufhalten können. Die Naturwissenschaften drücken der ganzen Neuzeit einen eigentümlichen Stempel auf, und besonders ihre Methode wird umgestaltend wirken. Han- delt es sich doch meist um Ereignisse und Prozesse, die jeder selbst sehen kann, die er selbst erleben kann; in ihrer Deutung braucht er sich keiner Doktrin zu unterwerfen, keine Autorität anzuerkennen. Keine Wissenschaft erzieht also in gleichem Maße zum selbständigen Denken, nicht auf Grund abstrakter Begriffe und Worte, sondern mittels Vorstellungen und Anschauungen aus der Wirklichkeit.
Wenn wir also auch über die Rolle, die die Naturwissenschaften in der Erziehung zu spielen haben, über ihre Rangstellung und Bedeutung noch sehr verschiedenen Meinungen be- gegnen, noch manche Vernachlässigung und Hintansetzung, ja Verachtung erleben, so brauchen wir uns nicht zu sorgen. Der Naturwissenschaft gehört die Zukunft.
Wir können nach Obigem als Hauptziel des naturwissenschaftlichen Schulunterrichtes bezeichnen: Er soll den Forderungen der allgemeinen Bildung Genüge leisten, d. h. er soll in den Dienst des gesunden Menschenverstandes treten; er soll den Knaben mit nützlichen und gesunden Anschauungen und Kenntnissen ausstatten, daß er später in der ihn umgebenden Welt kein Fremdling mehr ist und seine Kräfte zu verwerten versteht. Er soll die große Zeit, in der er lebt, das Zeitalter des Dampfes und der Elektrizitàt, der Photographie und der Biologie, würdigen lernen. Er soll aber auch durch methodische Schulung imstande sein, seine An- sichten selbst zu bilden und seine Aufgabe und Stellung im Leben aus sich heraus erfassen und begreifen lernen. Die Urteilskraft für Wahrheit und Berechtigung von Ansichten, für die Ge- setzmäßigkeit in der Natur, soll gestärkt werden. Dadurch, daß wir vermögen, in dem Unterricht in den Naturwissenschaften den Schüler die Wahrheit selbst finden zu lassen,— dies ist wohl auf keinem anderen Unterrichtsgebiet in gleichem. Maße der Fall,— üben wir das natürliche, ruhige Denken nach Ursache und Wirkung; wir schaffen die Überzeugung von dem nirgends eine Ausnahme erleidenden kausalen Zusammenhang aller Begebenheiten. Besonders die auf dem Gebiet der Physik, hauptsächlich aber der Chemie anzuwendende Methode der In- duktion wird wesentlich dazu beitragen, allmählich eine Generation zu erziehen, die nicht voreilig Schlüsse zieht, z. B. bei dem geringsten scheinbaren Erfolg dem ersten, besten Wetterpropheten oder Kurpfuscher in die Hände fällt, sondern gewitzigt und besonnen alle Erfahrungen erwägt, in dem Bewußtsein, daß Wahrheit eine schwierige Sache ist.
Hier liegt meines Erachtens auch der bedeutende formale Wert des naturwissen- schaftlichen Unterrichts. Es sollen ja keine fertigen Botaniker, die das Linné'sche System an den Fingern hersagen können, keine alten Systemzoologen, die sich nur um die Haut kümmern, aus unsern Schulen hervorgehen, ebenso wenig wie zur Staatsprüfung reife Chemiker und Phy- siker, sondern die methodische Schulung ist die Hauptsache. Der Junge soll lernen, seine Augen aufzuthun, überhaupt seine Sinneswerkzeuge zu gebrauchen, er soll beobachten lernen und zwar wie der Naturforscher beobachtet, genau und bewußt, kühl und vorurteilslos.
Der richtig geleitete Unterricht in den Naturwissenschaften hat ja den unschàtzbaren Vorteil, das Objekt der Untersuchung den Schülern in voller Wirklichkeit vor Augen stellen zu können. So ist also der naturwissenschaftliche Unterricht in der Lage, wie wenig andere, nicht
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