Aufsatz 
Ziele und Wege des naturwissenschaftlichen Unterrichts / von Heinrich Reichenbach
Entstehung
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Gebiet der Biologie überhaupt; er muß die chemischen Molekular- und Atomtheorien kennen, er muß die gewaltig eingreifenden Wahrheiten der Physik, die alle Vorgânge in der Welt in Bewegungsprozesse aufgelöst hat, nicht nur aus Büchern gelernt haben, sondern auf methodischem Wege und möglichst durch eigene Anschauung.Die Anschauung ist nicht nur die Quelle aller Erkenntnis.....sondern sie ist allein die unbedingt wahre, die ächte, die ihres Namens vollkommen würdige Erkenntnis: denn sie allein erteilt eigentlich Einsicht, sie allein wird vom Menschen wirklich assimiliert, geht in sein Wesen über und kann mit vollem Grunde sein heißen; während die Begriffe ihm bloß ankleben.(Schopenhauer, sämtliche Werke 1877, Bd. III, S. 83.)

Ich weiß nicht, ob die Meinung, die sich mir immer aufgedrängt hat, daß die alten griechischen Gelehrten und Künstler bedeutende Naturforscher gewesen sein müssen, die richtige ist. Ich kann mir aber nicht denken, daß alle naturhistorischen Wahrheiten in den Werken des Aristoteles von ihm allein zu Tage gefördert worden sind. Ich halte es für unmöglich, einen borghesischen Fechter, einen Laokoon zu schaffen, ohne gründliche anatomische Studien an der Leiche und am Modell. Wie bedeutend müssen die mathematisch-physikalischen und die ana- tomischen Kenntnisse eines Michelangelo gewesen sein! 1

Ein erfreuliches und objektives Merkmal dafür, daß das Bedürfnis nach naturwissen- schaftlicher Bildung immer weitere Kreise erfaßt, sind die zahlreich erscheinenden volkstüm- lichen Werke aus den verschiedensten Zweigen der Naturwissenschaften. Schon seit geraumer Zeit haben es die bedeutendsten englischen Naturforscher, wie Huxley, Lubbock, Tyndall u. v. a. nicht unter ihrer Würde gehalten, für Gebildete aller Stände zu schreiben. Wir in Deutsch- land haben Liebig's chemische Briefe, Brehm's Tierleben u. a., die wahre Volksbücher geworden sind. Unsere bedeutendsten Gelehrten auf dem fraglichen Gebiet schreiben Artikel in Zeitschriften und kleinere gemeinverständliche Werke. In allen größeren Städten mit intelligenter Bevölke- rung werden populäre Vorträge über Astronomie, Physik, Zoologie, Anthropologie, Botanik und Geologie veranstaltet und sie erfreuen sich eines zahlreichen Zuspruchs. In den Tagesblättern finden die volkstümlich gehaltenen Artikel über naturwissenschaftliche Gegenstände einen grobßen Leserkreis. Ich glaube auch nicht, daß dies gesteigerte Interesse etwa vorzugsweise der Ein- wirkung der Physik und Chemie auf das praktische Leben, auf die Entwicklung der Technik, seinen Ursprung verdankt, oder daß etwa medizinische volkstümliche Bücher wegen ihres Wertes für die öffentliche oder private Gesundheitspflege so großen Anklang und Beachtung finden. Denn auch allgemein biologische Erkenntnisse begegnen dem gesteigerten Interesse der ge- bildeten Stände. Die Lehre von dem genetischen Zusammenhang der Lebewelt, der Satz, daß Pflanzen und Tiere aus gleichartigen Bausteinen, Zellen genannt, bestehen, an die das Leben anknüpft, die als Elementar-Organismen, als Lebensherde, als Lebenseinheiten aufgefaßt werden können, deren Zusammenwirken die Lebenserscheinungen des ganzen Organismus hervorbringt, die Thatsache, daß jede Zelle von einer andern Zelle abstammt, indem dieselbe einem in seinen Einzelheiten sehr bemerkenswerten Teilungsprozess unterliegt, die Erkenntnis der Neuzeit, daß Pflanzen und Tiere aus einer solchen Zelle, der Eizelle, die überall die gleichen Hauptprinzipien des Baues erkennen läßt, abstammen, daß die ersten Entwicklungsvorgänge aller Tiere und Pflanzen ganz überraschende Khnlichkeiten aufzuweisen haben, und daß niedere Tiere gleichsam auf einer einfacheren Organisationsstufe stehen bleiben, die das höher stehende Geschöpf nur vorübergehend durchläuft, alle diese Wahrheiten beweisen, daß unser biolo- gisches Wissen einen tieferen Gehalt bekommen hat und diese Ergebnisse werden von den wahr- haft Gebildeten, die ihre Umgebung erkennen und begreifen wollen, die über sich und die Welt