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studien: denn durch sie wird der Schüler zuvörderst wieder ein Mensch, indem er eintritt in die Welt, die noch rein war von allen Fratzen des Mittelalters und der Romantik, welche nach- her in die Europàische Menschheit so tief eindrangen, daß auch noch jetzt jeder damit betüncht zur Welt kommt und sie erst abzustreifen hat, um nur zuvörderst wieder ein Mensch zu werden“. (A. a. O. Bd. III, S. 136).
Der ganz im klassischen Altertum stehende Mann wird aber nichts dabei finden, wenn einer nicht die Zusammensetzung der Luft kennt, die er atmet, wenn er etwa nicht weiß, was das Glas ist, aus dem er sein Wasser trinkt; er wird es nicht für nötig halten zu wissen, dass man durch den Foucault'schen Pendelversuch, der sich leicht austellen lässt, die Drehung der Erde um ihre Achse vor Augen stellen kann, so daß der Schüler nicht mehr dem Lehrer oder dem Buche einfach zu glauben hat, sondern aus eigner Anschauung, sozusagen: aus erster Hand, die Erkenntnis nehmen kann. Er wird immer den unberechtigten Unterschied machen zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, weil er glaubt, herabzusteigen aus seiner bevorzugten Stellung, wenn er nicht die vornehme, klassische Bildung als die der herrschenden und leitenden Klasse hoch hält.
Ein solcher Mann lebt in einer großen Zeit, in dem Zeitalter der Umwälzungen durch die Naturwissenschaften und merkt es gar nicht. Krampfhaft halt er fest an den Verhaltnissen und Bedingungen früherer Jahrhunderte, wo freilich das klassische Altertum die Wurzeln ent- hielt für Theologie und Philologie, für historische und philosophische Fächer und merkt gar nicht, dab in den Naturwissenschaften weltbewegende Umwäalzungen und Fortschritte stattge- funden, die unserem Jahrhundert eine Bedeutung gegeben, die kaum eines vor ihm gehabt hat.
Die Naturwissenschaften haben sich nach Methode und Inhalt nach allen Seiten hin so erweitert und in jeder Beziehung so vertieft, daß unser ganzes Bildungswesen einen von dem früheren ganz verschiedenen Charakter annehmen muß. Der moderne Mensch wird ein ganz anderer werden, als der, welcher einzig und allein auf den Schultern des Altertums steht, und es ist die Aufgabe der Erziehung, hier Hand anzulegen und alles in richtige Bahnen zu lenken, soll nicht ein elender Materialismus sich des der Schule entwachsenen Jünglings bemächtigen, sobald er von manchen Ergebnissen unserer Wissenschaft auf eine oberflächliche oder gar auf tendenziöse Weise Kenntnis erhält. Ein Verheimlichen und Nichtbeachten der großen Ergeb- nisse der Naturwissenschaften in der Schule, eine bewußte Hintansetzung dieser Fächer gegen- über den„Geisteswissenschaften“ wird ja nichts helfen, es wird eher schädlich sein. Wir würden dann wohl denselben Fehler begehen, wie auf einem anderen, in einem Schulprogramm nicht zu erörternden Gebiet, wo wir auch unsere Jugend ohne Belehrung in die Gefahren des öffent- lichen Lebens hinausschicken und es täglich erleben müssen, wie oft die tüchtigsten jungen Manner körperlich elend zu Grund gehen.
Die Naturwissenschaften greifen so intensiv nicht nur in das praktische Leben ein, wie vor Aller Augen liegt, sondern ihre Ergebnisse wirken auch umgestaltend und fördernd auf das geistige Leben der Kulturvölker ein; ihre Wahrheiten sickern allmahlich zu allen Volksschichten durch, und immer mehr verschafft sich die Forderung Geltung, daß jeder Gebildete ein gar nicht unbetrachtliches Maß naturwissenschaftlicher Kenntnisse und Einsichten besitzen muß. Kann ein moderner Philosoph auf größere Beachtung rechnen, der sich nicht mit sehr wich- tigen Lehren der Naturwissenschaften auseinander gesetzt hat? Er muß für die Erkenntnis- theorie die Leistungsfähigkeit unseres Gehirnes, vor allem die Physiologie der Sinnesorgane studiert haben, er muß Stellung nehmen zu den großartigen Ergebuissen der Neuzeit auf dem


