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tion der Unterrichtsfacher in wenigen Händen eine wichtige Rolle gespielt. Hat ein Lehrer in einer nicht normalen, nicht von unten heraufgewachsenen Klasse eine beträchtliche Anzahl Stun- den, so kann er seine ganze Lehrkraft, seine ganze Persönlichkeit zur Geltung bringen; die einzelnen Fächer, die er vertritt, greifen besser und sicherer ineinander, und wo kann dies wohl von größerem Segen sein, als gerade in Mathematik und Naturwissenschaften! Innerhalb der letzteren Disziplinen sind ja Chemie und Physik eigentlich gar nicht zu trennen, und beide wirken auf die Biologie in fördernder, ja grundlegender Weise ein. Wenn also in neuerer Zeit das Fachlehrersystem verlassen werden soll, so kann man dem nur freudig zustimmen.
Ein zweiter Umstand, die Möglichkeit nâmlich, Verteilung und Einrichtung des Unter- richts in den Naturwissenschaften einheitlich zu organisiren, konnte unter den gegebenen Ver- hältnissen auch nur vorteilhaft wirken. Es brauchten keine alten Einrichtungen, Sammlungen u. s. w. übernommen zu werden, sondern alles konnte neu beschafft werden. Hier kamen mir meine vieljährigen und nach verschiedenen Richtungen hin. gemachten Erfahrungen trefflich zu statten. 4
Allgemeines.
Bei der Feststellung der Ziele und der Methode des naturwissenschaftlichen Unterrichts an unserer Anstalt mußten also zwei Forderungen berücksichtigt werden. Erstens waren die Schüler ins Auge zu fassen, die nach 6 jährigem Besuch uns verließen, um ins praktische Leben einzutreten, und zweitens gab es meist eine ansehnliche Zahl, welche die Oberprima besuchten, die Abgangsprüfung machten, um dann auf einem Polytechnikum ihre Studien zu machen.
Für die erste Gruppe waren die Anforderungen der allgemeinen Bildung, die Ausrüstung mit nützlichen, praktisch verwertbaren Kenntnissen maßgebend, für die zweite Gruppe mußten auch schwierigere Kapitel, Theorien u. a. in Betracht gezogen werden. Beides war gut zu ver- einigen; die biologischen Fächer schließen in Unterprima ohnedies ab, und das Gesamtgebiet der Experimental-Physik, sowie der propädeutisch behandelte chemische Unterricht wurden eben- falls auf dieser Stufe erledigt.
Die Hauptsache blieb also, den Anforderungen der allgemeinen Bildung Genüge zu leisten und nicht nach den Prinzipien einer Fachschule zu arbeiten.
Ueber das, was man nun Forderungen der allgemeinen Bildung nennt, kommt man aber nicht so leicht weg. Würde ich statt schlicht und einfach Erfahrungen, Wünsche und Urteile aus der Schulpraxis zu behandeln, eine gelehrte Abhandlung zu schreiben haben, so müßte ja jetzt wohl eine gründliche Untersuchung über das, was man allgemeine Bildung nennt, erfolgen müssen. Man wird sehr verschiedene Antworten auf die Frage: Was ist allgemeine Bildung? erhalten, je nach dem Spezial- und Fachbildungsgang, je nach der gesellschaftlichen Stellung, sozusagen dem Range des Gefragten
Der Neu-Philologe wird den nicht für vollwertig erachten, der einmal eine falsche Casus- endung in einer fremden Sprache gebraucht, der Lücken im Wortschatz erkennen läßt, der über- haupt nicht englisch und französisch spricht. Die Engländer halten einen ihrer Landsleute, der nicht deutsch spricht, noch lange nicht für ungebildet. Der„klassisch Gebildete“ wird Schopen- hauer zitiren:„Wer kein Latein versteht, gehört zum Volke, auch wenn er ein großer Virtuose auf der Elektrisirmaschine wäre“.(Sämtl. W. 1877, Bd. VI, S. 606.) Dem müßte man aber die Stelle aufschlagen, wo Schopenhauer die Gründe für seine extreme Auffassung darlegt: „Sehr passend nennt man die Beschàftigung mit den Schriftstellern des Aitertums Humanitats-


