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Und endlich, wie viel— oder vielmehr— wie wenig bleibt in der Lehre vom Galvanismus im Zusammenhang verständlich, wenn nicht auf chemische Prozesse eingegangen werden kann!
In klarer Erkenntnis dieser Mißstände wandte sich der Direktor unserer Anstalt an die staatliche Behörde, und diese genehmigte die Einführung des chemischen Unterrichts in unserer Unterprima mit drei Stunden. Von diesen wurde eine Stunde den vier Physikstunden entnommen, eine den drei Naturgeschichtsstunden und eine wurde neu hinzugefügt. Unsere Schule hatte so- mit eine Ausnahmsstellung erlangt, die zu großem Segen für ihre Schüler gereichte. Entließen doch die höneren Schulen die Mehrzahl ihrer Schüler mit dem Berechtigungsschein, die keinen Unterricht in der Chemie genossen hatten und die nur ein oder anderthalb Jahre in einigen Gebieten der Physik unterrichtet worden waren. Dagegen war unsere Anstalt in der Lage, ihre Schüler mit einer nach allen Seiten hin angebahnten Bildung zu entlassen. Denn auch auf dem Gebiet der Physik kann in zwei Jahren(Sekunda 2 Stunden, Unterprima 3 Stunden) durch einfache, experimentelle Behandlung des Stoffes ein gewisser Abschluß erreicht werden. Der Oberprima fiel dann die Aufgabe zu, Physik und Chemie systematisch zu behandeln, auf schwie- rigere Kapitel tiefer einzugehen, mit Anwendung mathematischer Entwickelungen, besonders auf den Gebieten der Mechanik, der Optik, der Warme und des Galvanismus. Daran schlossen sich stets einfache physikalische und stöchiometrische Aufgaben. Es konnte ausführlicher auf physi- kalische und chemische Theorien eingegangen werden und endlich wurde Krystallographie und Mineralogie in das Pensum von Oberprima eingefügt.
Noch einer besonderen Einrichtung unserer Schule, die sich meines Erachtens bewährt hat, sei hier Erwähnung gethan. In allen Klassen ist der naturgeschichtliche Lehrstoff so ver- teilt, daß im Sommer Botanik, im Winter Zoologie unterrichtet wird. Dabei fällt der Sekunda die Aufgabe zu, im Sommer hauptsächlich die Kryptogamen, im Winter die niederen Tiere zu be- handeln. Offenbar ist nun bei dieser Vertheilung dem großen und reichen Gebiet der niederen Tierwelt zu wenig Zeit gewidmet. Um diese Ungleichheit etwas zu mildern, wurde mit Geneh- migung der Behörde eine der beiden Naturgeschichtsstunden in Sekunda im Sommer für niedere Tiere(Krebse und Insekten) senommen; dies ging um so eher, da die Kryptogamen auf der betreffenden Altersstufe der Behandlung gar große Schwierigkeiten entgegensetzen.
Anerkennend und dankbar ist nun noch die Bereitwilligkeit der stadtischen Behörde hervorzuheben, mit der sie die nicht unbeträchtlichen Mittel für das physikalische Kabinet, das chemische Laboratorium und die naturhistorische Sammlung zur Verfügung gestellt hat.
So waren also die àußeren Bedingungen für den naturwissenschaftlichen Unterricht an unserer Anstalt in günstige Bahnen gelenkt.
Als der Verfasser im Jahre 1880 von der Musterschule an die Adlerflychtschule über- trat, war letztere erst bis zur Quarta entwickelt und von Sammlungen waren die nöthigen An- fänge vorhanden, von Apparaten nichts. Wegen der geringen Zahl von Klassen war es also möglich, den mathematischen, den naturgeschichtlichen, später auch den physikalischen und chemischen Unterricht in eine Hand zu legen; als die Oberprima eröffnet wurde, mußte freilich eine teilweise Trennung und anderweitige Verteilung eintreten.
Es waren in dieser Zeit besonders schwierige Verhältnisse obwaltend. Die Mehrzahl unserer Schüler war aus anderen höheren Lehranstalten zu uns übergetreten, weil sie dort am Latein gescheitert waren. Sie waren gerade nicht besonders beanlagt, hatten auch wohl die Lust am Lernen mehr oder weniger verloren, und wir mußten eben doch die Mehrzahl an das Ziel bringen. Bei der Überwindung dieser Schwierigkeit hat nun meines Erachtens die Konzentra-


