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Chemie. Kenntnis der wichtigeren Elemente und ihrer anorganischen Verbindungen, sowie der stöchiometrischen Gesetze. An den Ober-Realschulen außerdem die Kenntnis der wich- tigsten Stoffe der organischen Chemie.
Bei der Ausführung dieser Bestimmungen waren nun sehr wichtige besondere Verhäaltnisse unserer Anstalt in Betracht zu ziehen. Die Versetzung von Untersekunda(= Unterprima) nach Obersekunda(= Oberprima) war entscheidend für die Erlangung der Berechtigung zu dem ein- jährig-freiwilligen Militäardienst; wie überall, verließ daher die Mehrzahl unserer Schüler die Anstalt, ohne deren obere Klasse besucht zu haben.
Unter diesen Schülern waren nun viele, welche blos des Berechtigungsscheines wegen die Anstalt besuchten. Dieser Ubelstand, der die höheren Schulen mit so vielem untauglichen Schülermaterial belastet— da ja nicht die Fähigkeiten und Anlagen, sondern der Vermögens- stand der Eltern über die Wahl der Schule entscheidet— wird nicht eher schwinden, als bis die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst gänzlich von der Schule losgelöst sein wird. Alle Heilmittel, die man vorschlagen mag, um das höhere Schulwesen in gesündere Bahnen zu lenken, werden wenig wirken, wenn dieses Grundübel nicht beseitigt werden kann. Trotzdem aber konnten wir mit Freuden konstatieren, daß bei jedem Jahrgang eine große Zahl braver und fleißiger Jungen sich befand, welche uns zwar auch nach sechs Jahren verließen, aber gezwungen durch Aàußere Verhältnisse; sie mußten eben so bald wie möglich in einen praktischen Lebensberuf eintreten.
Offenbar waren gerade diese Schüler hervorragend zu berücksichtigen. Es galt, dieselben mit den wichtigsten Zweigen der naturwissenschaftlichen Fächer bekannt zu machen, sie mit gut gesicherten, praktisch verwertbaren und zum Weiterstreben anregenden Kenntnissen auszurüsten. Bei der Verteilung der im Lehrplan geforderten Aufgaben auf die einzelnen Klassen ergab sich nun gleich ein schwerwiegender Mißstand. Nach den Bestimmungen von 1882 war der An- fang des Unterrichts in der Chemie auf die Obersekunda, also unsere Oberprima verlegt. Dies hätte nach zwei Richtungen hin die Mehrzahl unserer besseren Schüler geschädigt. Sie hätten erstens die Schule verlassen, ohne in der Chemie, die so vielfach ins praktische Leben eingreift, und deren methodische Behandlung einen unschätzbaren formalen Bildungswert hat, unterrichtet worden zu sein; und zweitens ist ja das Verständnis einer großen Zahl sehr wichtiger That- sachen auf anderen Gebieten der Naturwissenschaften ohne chemische Kenntnisse ein Ding der Un- möglichkeit. Was ist die Mineralogie ohne chemischen Unterbau? Wie kann das Pflanzenleben in seinen für die ganze Lebewelt wichtigen Prozessen ohne Chemie auch nur annàhernd begriffen werden?— die Assimilation des Kohlenstoffs in den chlorophyllhaltigen Teilen aus der Kohlen- säure der Luft?— die Ausscheidung des Sauerstoffs, der für die Tierwelt unentbehrlich ist? Man sage nicht, das ließe sich doch so nebenbei unterrichten. Wer diese wichtigen Substanzen und Prozesse nicht auf methodischem Wege, aus eigener Anschauung, also im chemischen Unter- richt, hat kennen gelernt, der weiß nur Worte, die er einem Buche oder einer Autoritàât glaubt. Er hat aber keine wirkliche Kenntnis davon; man hat ihm Steine statt Brot gegeben. Ebenso geht es, wenn es sich um die Ubermittlung der Grundlehren aus der Physiologie des Menschen
handelt. Wäre es nicht weit besser, dies alles gar nicht zu unterrichten, als verwerfliche Halb- heiten zu treiben?/


