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und Gewalt? Das war seine Frömmigkeit, m. Th., jene von treuen und gewissen- haften Aeltern und Lehrern auf ihn übergetragene und sein ganzes Leben beherr- schende Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit gegen seinen Gott und seinen Erlöser, jene ächt christliche, sein innerstes Wesen fort und fort durchdringende Gesinnung, wonach er Alles, was er war und was ihm begegnete, auf die Macht, die Weisheit und die Gnade seines himmlischen Vaters zurückführte, Alles, was er dachte, begehrte und that, vor dem Allwissenden und Heiligen erforschte und prüfte. Da erschien ihm kein— Tag, den er nicht durch Gebet geweihet, da senkte sich kein Abend herab, an welchem er nicht sich und alle die Seinen und die ganze Kirche dem Schutze des Höchsten em- pfohlen hätte; da begann er Nichts, ohne sich den Beistand von oben zu erflehen, da vollendete er Nichts, ohne das Gedeihen seines Werkes von seinem himmlischen Vater zu erwarten. Aus diesem unablässigen, kindlich vertrauten Umgange mit dem Herrn, wie ihn Melanchthon durch häusliche und öffentliche Andachtsübungen, durch tägliches Lesen und Erforschen der heiligen Schrift und stete Betrachtung der Thaten Gottes in seinem Reiche pflegte und nährte, konnte keine andere Frucht, als die der höchsten sittlichen Lauterkeit, erwachsen. Für ihn hatte die Welt mit ihrer Lust nichts Verlockendes; ihm genügte der Frieden Gottes, der da höher ist, als alle Vernunft, begehrenswerther, als alle Ehre bei Menschen, köstlicher, als jeder irdische Lohn und Gewinn. Daher die edle Uneigennützigkeit und Mildthätigkeit, die hohe Achtbarkeit und Liebenswürdigkeit in seinem gesammten Verfahren— alles Eigenschaften, durch welche er nicht nur die Trefflichkeit seiner Grundsätze beurkundete, sondern auch ein Lehrer wahrer und, dass ich es mit dem rechten Worte sage, ächt christlicher Lebensweisheit für Alle geworden ist und bleiben wird, die, wie Melanchthon, im
Leben und Sterben„Nichts, als den Himmel““ verlangen.
3.
Und diese hohe Stellung wird der grosse Lehrer Deutschlands um so fester hehaupten, je mehr er selbst durch seine Wirksamkeit dafür gesorgt hat, dass seines Namens nie vergessen werde. Denn, meine Freunde, neben Luther gab es zur Zeit der Reformation in Deutschland wohl keinen Zweiten, der durch Rede, Schrift und Leben auf weitere Kreise Einfluss geübt hätte, als dieser Lehrer wahrer Weisheit,


