12²
die Feinheit des philosophischen Ausdrucks vollständig zu Gebote stand, in blosen Worten sich ergeht, wo er unerwiesene Behauptungen aufstellt und nur von dem Scheine, nicht aber von dem Wesen der Dinge redet. Fürwahr, m. Gel., ist Weisheit zunächst ein umfassendes, klares und gediegenes Wissen von göttlichen und menschlichen Din- gen, ein Wissen, das die wichtigsten Fragen unsres Geistes zu beantworten sucht, und ist Der ein Lehrer der Weisheit, der solches Wissen auf Andere überträgt: so ver- dient Melanchthon's Wissen Weisheit und er ein Lehrer derselben genannt zu wer- den; denn noch jetzt zeigt er uns, welche Quellen wir aufzusuchen und wie wir sie zu benutzen haben, um zur Erkenntniss der Wahrheit zu gelangen.
2.
Wie oft aber begegnet uns ein reiches, klares und gediegenes Wissen, ohne dass es die Grundlage wahrer Weisheit bildet! Und woher diese so betrübende Er- scheinung, m. Th.2 Weil sich nicht bei jedem Manne der Wissenschaft ein so demuthiges, frommes und lauteres Hers findet, wie es Philipp Melanchthon in sei- nem Busen trug. Wer hätte bei den Kräften und Anlagen, die ihn zierten, bei dem Wissensschatze, welchen er zumeist durch eigne Austrengung sich gesammelt hatte, bei der Anerkennung, die ihm so früh von den angesehensten Männern seiner Zeit zu Theil ward, mehr Ursache gehabt, mit stolzer Selbstzufriedenheit zu sich empor, mit hochmüthiger Geringschätzung auf Andere hinab zu blicken, als Melauchthon, welchen, obschon er noch im Jünglingsalter stand, der grosse Reuchlin nur mit dem berühmten Erasmus von Rotterdam vergleichen zu können meinte? Wer hat dagegen die Be- schränktheit des menschlichen Verstandes klarer erkannt und durch unablässiges Ler- nen und Forschen eifriger zu erweitern gesucht, als dieser durch allseitige Bildung so hoch stehende Mann? Ja, noch mehr! Wer hat seine Fehler schmerzlicher ge- fühlt und kräftiger bekämpft; wer mit der Schwachheit Anderer mehr Geduld geübt; wer seinen Feinden leichter verziehen, und wer jeder Ordnung bereitwilliger sich ge- fügt, als der in seiner Demuth so bescheidene, so milde, so gesetzlich streng lebende Melanchthon? Und was bewahrte ihn vor allem Hochmuth und Stolz? Was zeigte ihm seine Mängel und Fehler in klarem Licht? Was stimmte ihn zu so grosser Nachsicht und Versöhnlichkeit? Was bewog ihn zu freier Unterordnung unter Gesetz


