11
I.
Wenn wir im Hinblick auf seinen Beruf Philipp Melanchthon nicht blos im Allgemeinen einen Lehrer nennen, sondern ihn vor Tausenden seiner Standesgenossen als einen Lehrer wahrer Weisheit bezeichnen, so geschieht diess zunächst mit Rück- sicht auf die Fälle, Klarheit und Gediegenheit seines IIissens; denn unmöglich kann Derjenige wahrhaft weise sein oder Andere zu wahrer Weisheit anleiten, dessen Kenntnisse sich als dürftig, verworren und unbegründet erweisen. Wie wenig das Letztere bei Melanchthon der Fall war, lehrt uns ein Blick auf die Studien, die er betrieb und in welchen er so heimisch ward, dass er fast all' die Gelehrsamkeit besass, die man zu seiner Zeit sich überhaupt erwerben konnte. Schon der vorbereitende Schulunterricht hatte den talentvollen, wissbegierigen und strebsamen Knaben mit der Sprache und den Werken griechischer und römischer Klassiker in seltnem Masse vertraut gemacht, und als er auf der Hochschule zu Heidelberg auch mit der Philosophie und Beredtsamkeit sich beschäftigte, so brachte er es durch rastlosen Fleiss, eignes Denken und stete schriftliche Uebungen so weit, dass er damals schon als Schriftsteller in diesen Fächern auftreten konnte. Fügen wir dem noch hinzu, dass er bald nachher auf der Tübinger Hochschule mit der Theologie, der Rechtswissenschaft, der Mathe- matik, mit den Naturwissenschaften und selbst mit Arzneikunde sich befreundete und ein damals gangbares Lehrbuch der Weltgeschichte völlig umgestaltete, so wird er- klärlich, wie der berühmte Johann Reuchlin den erst 21jährigen jungen Mann dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen von Sachsen zum Lehrer an der Universitat Witten- berg empfehlen und Melanchthon sich gleich bei seinem ersten Auftreten die höchste Achtung und den allgemeinsten Beifall erwerben konnte. Denn, m. Th., zu der Fülle seines Wissens gesellte sich die grösste Klarheit und Deutlichkeit. Der hochbe- fähigte, durch die umfassendsten Studien und unermüdetes Denken und Forschen durchgebildete Melanchthon redete und schrieb Nichts, was nicht wohlgeorduet und verständlich war und somit belehrend und erleuchtend wirken musste, gleichwie Nie- mand vor der Dunkelheit der mittelalterlichen Philosophie und der verwirrenden Spitz- findigkeit der römischen Kirchenlehre grösseren Abscheu hegte, als wiederum Melauch- thon, dessen reiches und lichtvolles Wissen sich ausserdem dureh die höchste Gedie- genheit auszeichnete. Getrost darf man jeden Leser der so zahlreichen Schriften des grossen Mannes auffordern, auch nur eine Stelle in denselben nachzuweisen, wo der
Verfasser, obgleich ihm die Lieblichkeit des dichterischen, die Kraft des rednerischen, 2*


