netzten Sarge; nicht ein beginnendes, sondern ein geschlossenes Leben fesselt unsre Blicke an sich, und nicht die reizenden Gefilde der Dichtkunst, sondern der ernste Tempel der Wissenschaft, ja die ehrwürdigen Hallen der Kirche Jesu öffnen uns ihre geweiheten Pforten. 0 wie heilig ist diese Stätte! Wie nahe fühlen wir uns da der unsichtbaren Welt! Wie hoch und hehr tritt uns die Bedeutung des irdischen Lebens und der innige Zusammenhang desselben mit der Ewigkeit entgegen! Aber wie? Liegt nicht eine entseelte Hülle, liegt nicht ein Leichnam vor uns, dessen bleiche und verfallene Züge nur die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit des Menschen, nur die Alles überwältigende Macht des Todes verkündigen? Meine Geliebten! An dem Ster- belager eines gläubigen Christen umwehen uns nicht Schauer des Todes, sondern Ahnungen des Lebens, und wenn wir dem Sarge eines Philipp Melanchthon folgen, da begleitet uns das Wort der Verheissung:„Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes;“ da wird ein Kreuz vorgetragen mit der Inschrift:„Ich bin die Auf- erstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, obgleich er stürbe;“ da lesen wir auf dem Gedenksteine des Verblichenen die Worte:„Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und Die, so Viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die
Sterne immer und ewiglich.“
Ehe aber dieser müde Erdenpilger Ruhe fand von seiner Arbeit; ehe sein Glaube an den Auferstandenen zum lebendigen Schauen ward; ehe er wie ein Stern leuchtete in himmlischem Glanze, da finden wir ihn thätig und wirksam in jener gros- sen Zeit, in welcher es für Millionen Christen namentlich in unserm deutschen Vater- lande hiess:„Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeikommen: so lasset uns ab- legen die Werke der Finsterniss und anlegen die Waffen des Lichts“. Da erblicken wir Philipp Melanchthon an der Seite des heldenmüthigen Gottesstreiters, der in ge- waltiger Geistes- und Glaubenskraft die Freiheit uns zurückerkämpfte, damit Christus uns befreiet hat; da gewahren wir ihn in innigstem Verkehr mit fast all' den erleuch- teten und frommen Männern, an welchen durch Gottes gnädige Fügung unser Deutsch- land gerade in den Tagen der Kirchenverbesserung so reich war; da begegnen wir ihm endlich in jener Stadt Sachsens, in welcher die fast verloschene Leuchte des Evangeliums Jesu wieder angezündet werden sollte, um die düsteren Nebel des Wahns zu vertreiben und die Klarheit Jesu Christi seiner Kirche wieder unverhüllt scheinen
zu lassen.


