Aufsatz 
Zwei Schulreden: 1. Schiller. 2. Melanchthon
Entstehung
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bindet, nur da wird dieses Talent mit Bewusstsein und Entschiedenheit auf Zwecke verwendet, die der Menschheit nützen und die Herrschaft der Weisheit und der Tu- gend erweitern und befestigen. Hat nun Schiller wirklich der Menschheit dienen, ihr Streben nach Vollkommenheit erleichtern, ihre Zustände verbessern, ihr Glück erhöhen wollen? Wir würden das Preiswürdigste an ihm verkennen. ihn einseitig und unge- recht beurtheilen, ja uns selbst nicht einmal sagen können, warum er noch jetzt so allgemein und in so hohem Grade geachtet, geliebt und gefeiert wird, wenn wir das in Abrede stellten. Ziehen wir aber auch den Wirkungskreis Schiller's enger und beschränken denselben auf das deutsche Volk allein: so ist doch wenigstens so Viel gewiss, dass er dieses innig liebte, es durch seine Thätigkeit nach innen und aussen heben, für alles Wahre, Schöne und Gute begeistern und auch an seinem Theile bei- tragen wollte, dass gründliche und klare Erkenniniss göttlicher und menschlicher Dinge, Ehrfurcht vor allem Erhabenen und Heiligen, reine, milde und edle Gesittung, Freiheit unter der Zucht des Gesetzes, Treue gegen Fürst und Vaterland, Eintracht, Gemein- sinn und gegenseitige Gerechtigkeit in allen unsern Gauen herrschend würden. Und so oft er in dieser Absicht die reiche Fülle seines Geistes und die edle Gluth seines Herzens ergiesst, redet er auf eine Weise zu uns, an welcher wir wie an keines Andern Worten die ganze Herrlichkeit unsrer Sprache merken; ja, er hat ihr einen Glanz zund einen Zauber verliehen, dass sie, seitdem er sich ihrer bediente, nicht nur den reichsten und kräftigsten, sondern auch den lieblichsten und schönsten beigezählt wer- den darf. Endlich, m. Th., gleich wie Schiller nur auf dem der Geistes- und Gewis- sensfreiheit günstigen Boden des Protestantismus ungehemmt sich entwickeln und un- gestört nach seiner Eigenthümlichkeit wirken konnte, so haben auch die grossen Grund- sätze unsrer Kirche an ihm einen muthigen Vertheidiger, die grossen Kämpfe und Helden derselben einen beredten Darsteller und Herold gefunden, und wenn überhaupt Alles, was wohllautet, was keusch und lieblich und nicht gegen, sondern für die Wahr- heit ist, àcht christlicher Aufklärung, Bildung und Gesittung dient, so dürfen wir wohl auch in dieser Beziehung seines Wirkens anerkennend und rühmend gedenken.

So steht denn in Schiller's Lebensbilde Grosses und Edles vor uns da. Wohl pranget auch seine Gestalt nicht in göttlicher und vollendeter Herrlichkeit, aber die Spuren höherer menschlicher Würde und Schönheit trägt sie dennoch hellleuchtend an sich. Darum weihen wir ihm, dem um die gesammte gebildete Menschheit, dem