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denn dieser rastlos fortstrebende Geist die ihm entsprechendste Nahrung schöpfen zu müssen? Etwa nur aus schöngeistigen Werken seiner Zeit, die, ohne ein ernsteres und tiefergehendes Denken zu fordern, seine Einbildungskraft leicht und angenehm unterhielten und bereicherten? Wohl durfte er als Dichter auch diesen Theil der Lite- ratur nicht vernachlässigen; allein nicht nur. dass er daraus nur das Beste wählte und dann in der That studirte, wendete er sich auch zu den alten klassischen Meistern im Gebiete des Schönen und Erhabenen. Die heiligen Schriften des A. B., insbeson- dere Davids und Assaphs hehre Psalmen, Luthers kernige und gewaltige Bücher, Homers und Virgils unsterbliche Gesänge, die unerreichbaren Werke der griechischen und jenes grossen britischen Dramatikers— diess waren die vorzüglichsten Fundgruben, die er mit unermüdetem Fleisse ausbeutete, die Muster, die er bei der Schöpfung seiner eignen Werke sich vorhielt. Und um diesen seinen Erzeugnissen ebensowohl eine vollendete Form, als innere Wahrheit zu geben, unterwarf er sie dem strengsten Ur- theile ebenbürtiger Freunde und vertiefte sich zugleich in das Studium der Geschichte und Philosophie mit einem Eifer, von dem seine Kenninisse und Leistungen in diesen Wissenschaften das rühmlichste Zeugniss ablegten. Wahrlich, der hochbegabte Schiller war einsichtsvoll genug. um das Bedürfniss immer neuer Belehrung anzuerkennen; bescheiden genug, um diese Belehrung nicht durch und bei sich allein zu suchen; ämsig und gewissenhaft genug, um jedes Mittel zu benutzen, das seine Tüchtigkeit zu erhöhen versprach. Auch sein Leben ist nicht nur äussere Sorge und Noth, sondern auch innere Mühe und Arbeit gewesen; aber ohne diese letztere wäre seine Kraff in sich selbst versiecht, sein Name dunkel und unbekannt geblieben und sein Haupt nicht
umgeben von dem Ehrenkranze, der seinem Verdienste gewunden worden ist.
Und dieses, mit ausgezeichneter Krafl, Anstrengung und Ausdauer erworbene, Verdienst Schiller's ist so gross, es gehört so ganz zu dem Bilde seines Lebeus, dass wir nicht unterlassen dürfen, es noch in’s Besondere zu beleuchten. Alles wahre Verdienst beruht aber nicht allein auf Dem, was Jemand thatsächlich geleistet Ahat, sondern auch und vornehmlich auf Dem, was er absichtlich leisten aĩοllte. Allerdings trachtet namentlich der höher Begabte zunächst danach, durch Ausführung seiner Ge- danken und Entwürfe sich selbst zu befriedigen, und diess hat auch Schiller gethan, gethan nach einem Gesetze unsrer Natur, dem wir fast unwillkürlich gehorchen. Aber nur da, wo mit dem hohen Talent sich ein reiches Gemüth und ein edler Wille ver-


