Aufsatz 
Zwei Schulreden: 1. Schiller. 2. Melanchthon
Entstehung
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und Guten sich neigte, alles Falsche und Trügende dagegen, alles Niedrige und Ge- meine, alles Schlechte und Unsittliche hasste und verwarf. Preisen und danken wir Gott, dem Geber aller guten und vollkommenen Gabe, dass er in unserm, von ihm mit den reichsten und edelsten Kräften ausgestatteten, Schiller einen Menschen vor uns hingestellt hat, an dem er uns so recht eigentlich sehen lässt, wie Herrliches er in seiner Macht schaffen kann und in seiner unendlichen Liebe seinen Kindern auf Erden gewährt; aber ehren wir auch den Mann, der die von Gott ihm verliehenen Anlagen und seinen hohen Beruf so klar erkannte, und der, wenn auch nicht frei von jeglichem Irrthum und jeglichem Mangel, doch vorherrschend eine Richtung nahm und innehielt, die ihn im Denken, Wollen und Thun der Vollendung immer näher bringen sollte. Im reinsten und vollsten Sinne des Wortes wollte Schiller ein Mensch sein und wer- den; und müssen wir auch beklagen, dass er bei diesem schönen Streben an das heiligste Vorbild gottähnlicher Menschlichkeit sich weniger eng anschloss, weil gerade er bei seiner Eigenthümlichkeit einer der erleuchtetsten und wärmsten Verehrer Jesu ge- worden wäre: so dürfen wir doch auch die Verkehrtheit und den unnatürlichen Zwang nicht unerwähnt lassen, durch dessen Schuld der gemüthvolle Schiller von dem innige- ren Verkehre mit dem Herrn und seiner Gemeinde zurückgedrängt worden war.

Aber wle hat denn Schiller so fragen wir mit Rücksicht auf die grossen Fehler, die bei der Erziehung nicht des Knaben, sondern des Jünglings, begangen worden waren, um so begieriger wie hat er dessen ungeachtet den hohen Grad von Ausbildung erreicht, wodurch er als Mann hervorleuchtete? Denn gewiss, m. Th., sind wir Alle weit entfernt zu glauben, dass seine Fähigkeiten allein ihn ohne all' sein Zuthun neben die Ausgezeichnetsten seiner und aller Zeiten gestellt haben. Nein, auch er hat den steilen Pfad der Selbsithätigkeit, des mühsamen Einsammelus, Ord- nens und Verarbeitens von Stoffen und Gedanken betreien und bis an seinen Tod wandeln müssen, und diess nicht blos, um den immer höheren Ansprüchen zu genügen, die er selbst an sich machte, sondern auch um auf ehrenvolle Weise die Bedürfnisse der Seinigen zu befriedigen und die amtlichen Pflichten zu erfüllen, die er späterhin auf sich nahm. Leider legte er in seinem glühenden Eifer, nur wirklich Gediegenes und Hervorragendes zu leisten, seinem zarten Körper eine allzu schwere Bürde auf: selbst die Nacht verwendete er zu seinen Arbeiten, auch von Krankheit und Schmerz liess er sich in denselben kaum unterbrechen. Aber aus welchen Quellen glaubte