Aufsatz 
Zwei Schulreden: 1. Schiller. 2. Melanchthon
Entstehung
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was dem grossen Manne eigenthümlich war, wodurch er zu seiner Grösse gelangte und was er der gebildeten Menschheit, namentlich aber unserem Volke, leistete. Muss ich, der ich im besonderen Hinblicke auf Sie, theuere Schüler, Schiller's Wesen, Bildungsgang und Verdienste darzustellen versuche muss ich auch völlig darauf verzichten, das Bild des grossen Mannes in ein neues Licht zu stellen, so will ich doch darnach trachten, es Ihnen in solcher Klarheit nahe zu bringen, dass es sich Ihnen tief einprägt und Sie an ihm deutlich wahrnehmen, worin menschliche Grösse besteht, wie sie erworben wird und welche herrliche Wirkungen sie erzeugt.

Auf die innere Seite des Lebensbildes Schiller's wollen wir, wie ich sagte, vornehmlich unsre Blicke richten und sein geistiges Wesen beschauen; denn dadurch vor Allem werden wir ihn verstehen und würdigen lernen, und diess um so mehr, da gerade Innerlichkeit es ist, wodurch Schiller zunächst sich kennzeichnet. Wie wenig auch sein äusserer Sinn verschlossen und für Das, was in Raum und Zeit ihn umgab, unempfänglich war, so wenig blieb er doch bei dem Sichtbaren stehen, vielmehr suchte er Das zu erspähen, was unter Farbe und Gestalt sich verbirgt, das Wesen der Dinge zu ergründen und ihnen die Seite abzugewinnen, wodurch sie für die Phantasie und das Gefühl ansprechend und für den Geist und dessen höchste Angelegenheiten bedeu- tungsvoll werden. Und dabei war nicht ein flüchtiger Genuss das Ziel, welches er verfolgte: nein, jene tiefe Befriedigung, die allein den Durst der unsterblichen Seele stillt und ewige Gnüge gewährt sie war das hohe Gut, auf dessen Gewinnung seine heisse Sehnsucht, sein immer steigendes Verlangen sich lenkte. Ein unwiderstehlicher Drang führte ihn vom Sichtbaren zum Unsichtbaren, von dem Endlichen zum Unend- lichen, von dem Vergänglichen zum Unvergänglichen empor: obgleich auf der Erde fussend, trug er doch das Auge seines Geistes in die Welt über uns, oder leitete sie in die Welt in uns, und was er da Wahres, Grosses und Herrliches entdeckte, das stellte er, in das Gewand seines eignen Wesens gekleidet und in die Glut seiner eignen Begeisterung getaucht, in entzückender Schönheit vor Aller Augen hin. Mochte er als Dichter kühnen Fluges sich dahin aufschwingen, wohin nur die Phamiasie uns trägt, oder als Geschichtsschreiber die wechselvollen Erscheinungen der Wirklichkeit schil- dern, oder als Forscher von den leizten Gründen des Seins und von dem Zusammen- hange des Einzelnen mit dem Ganzen reden immer thut er es auf eine Weise, die deutlich verräth, in wie hohem Grade sein ganzes Wesen zu allem Wahren. Schönen

1*½.