uns glücklich und betrachten solch' ein Lebensbild als einen werthvollen Schatz, wel- chen, für uns und Andre auszubeuten und der Nachwelt unverkürzt zu überliefern, wir für eine heilige Pflicht erachten. Wie ein sichrer Führer schreitet ein solches Bild vor uns her, zeigt uns den rechten Weg zu Weisheit und Tugend, schützt uns vor ge- fahrvollen Verirrungen, hebt den sinkenden Muth in schwierigen Kämpfen und lässt uns die Krone des Sieges sehen, die dem beharrlichen Streiter am Ziele winkt.
Verweilen wir nun schon dann mit hoher Befriedigung vor solch' einem Bilde, wann es selbst aus ferner Zeit und aus fernem Lande zu uns herüberschimmert— wie viel mehr in dem Falle, wann es aus naher Vergangenheit und der eignen Heimat uns begrüsst, wann es in unsrer Sprache zu uns redet und wir uns durch tausend Beziehungen ihm verwandt und befreundet fuhlen. Diess Alles aber lässt sich von dem Lebensbilde des grossen Mannes sagen, der, wie einst der unsterbliche Luther, an diesem Tage das Licht der Welt erblickte. Wohl sind es bereits 100 Jahre, dass Friedrich Schiller geboren ward; aber noch leben so Manche von Denen, die seine Zeit gesehen haben; und selbst wenn Alle schon geschieden wären, die persönlich mit ihm verkehrten und unmittelbar von seinem Geiste berührt wurden, so hat er doch so tiefe Spuren seines irdischen Daseins hinterlassen, dass wir unvermögend sind, die Zeit zu bestimmen, wo dieselben aus dem Gedächtnisse, dem Herzen und dem Leben des deutschen Volkes, ja, der gebildeten Welt überhaupt verschwunden sein werden. Ganz gewiss ist jetzt der Augenblick noch nicht gekommen, wo der grosse Mann unter dem ehernen Drucke der Vergessenheit begraben läge. Unser gesammtes Volk in allen seinen Stämmen feiert in seltener Einmüthigkeit den heutigen Tag als einen Tag allgemeiner, festlicher Freude, und jenseit der Meere selbst gedenkt man heute mit Begeisterung des Mannes, dessen Name von jedem Deutschen, von jedem Gebilde- ten, er lebe wo es sei, gekannt, geliebt und geachtet wird. Darum soll ihm auch unter uns gehuldigt, auch in unsrem Kreise ein Opfer angezündet werden, zu dessen Darbringung uns ebenso der Wille erleuchteter Vorgesetzten, als der Drang des eignen Herzens verpflichtet. Desshalb wollen wir in dieser Feierstunde vor
Schiller's Lebensbild
uns stellen und nicht sowohl die Aeusserlichkeiten beschauen, die dasselbe umrahmen, als vielmehr einen Blick in das Innere desselben thun, um uns zu vergegenwärtigen,


