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handen war, so irrt er, und es zeigt sich hier deutlich sein einseitiger klassizistischer Geschmack, wie er ihn durch Winckelmann und Lessing erhalten hatte, die in der griechischen Kunst nur die Schönheit sahen. Denn die Karikatur ist bei den Griechen durchaus nicht selten, wie dies auch durch die aufgefundenen Kampanischen Wandgemälde bewiesen wird. Ferner war er wie Winckelmann in dem großen Irrtum seiner Zeit befangen, daß die Allegorie eine besondere Schönheit der Kunst sei. Ebenso irrte er in der Auffassung, daß in der griechischen Kunst das Hauptgewicht auf der Bildhauerei liege, während durch die Zeugnisse der Alten und durch die heutige Kenntnis der Kunst des Altertums erwiesen ist, daß die Malerei die führende Kunst war.¹) Wenn also auch in diesen Hinsichten Goethes Urteil einseitig, ja falsch war, so nähert er sich doch dem Richtigen, indem er als Endziel der Kunst der Griechen das Charakteristische und Bedeutende— dieser Ausdruck findet sich oft bei ihm— erkannt hat, das mit der Schönheit in ein Verhältnis tritt. Die griechische Kunst hat auch— und dies ist ihr unsterbliches Verdienst— den Menschenleib,„das Werk der ewigen Weisheit“, nackt, wie die Natur ihn schuf, dargestellt, und Goethe hat mit Recht gefordert, weil die bildende Kunst auf das Nackte nicht verzichten kann, daß sie immer und immer wieder auf die Griechen zurückgehen muß.
Hinsichtlich der dritten Frage, ob Goethes Ansicht von der bildenden Kraft des klassischen Altertums für unsere Zeit zu billigen ist, so ist zu antworten, daß er allerdings wohl in seiner Begeisterung für das Griechentum zu weit gegangen ist, wenn er gemeint hat, das griechische Schönheitsideal wäre maßgebend für alle Zeiten und Völker und alle modernen Kunstbestrebungen wären barbarisch und ein Rückschritt. Er ist zu dieser Auffassung durch Winckelmann gekommen, für den die antike Kunst die Kunst schlechthin war und der gesagt hatte, der einzige Weg für uns, groß zu werden, sei die Nachahmung der Alten, besonders der griechischen Bildwerke. Schon dieser begeisterte Verehrer des Griechentums beging den Fehler, daß er dem, was in Griechenland unter ganz anderen Verhältnissen das Höchste und Schönste gewesen ist, für alle Völker und Zeiten gleiche Bedeutung beilegte. Xhnlich sah Goethe die antike Kunst als den Gipfel aller Vollkommenheit, als eine mustergültige und unübertreffliche Vereinigung von idealer Schönheit und gesunder Kraft an, und auch er glaubte, sie sei maßgebend für alle Zeiten. Schon aus dem Titel seiner Schrift„Kunst und Altertum“ sieht man, daß auch ihm antike Kunst und Kunst überhaupt identische Begriffe waren. Auch er meinte, aus dem geistigen Leben der alten Welt käme allein unser Heil und unser Glück.
Diese antikisierende Richtung Goethes ist schon von Niebuhr und später von Ger- vinus, Goedeke, Hettner, Engel und anderen hart getadelt worden und wohl mit Recht. Denn feste und ewige, für alle Zeiten gültige Normen für die Kunst gibt es überhaupt nicht. Diese muß sich immer lebendig aus sich selbst entwickeln und für ihre Zeit, ihr Volk, ihre Verhältnisse passende Gesetze finden. Goethe hat ja selbst einmal gesagt(s. den Brief an Sack vom 15. Jan. 1816), daß Uberlieferung, Nationalcharakter und klimatische Einflüsse die Blüte der Kunst ebenso bedingen, wie Gemüt und Denkweise eines Volkes. Uns kann Homer, uns können die Tragiker nicht das sein, was sie den Griechen waren. Unsere Zeit, unsere Verhältnisse sind eben ganz andere, als die des Altertums. Daß Goethe also in seiner Begeisterung für die Griechen zu viel behauptet, daß ihn seine Vorliebe für das Altertum
¹) s. Michaelis a. a. O. S. 131 f.


