Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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Man darf allerdings die Griechen nicht schlechthin als Muster der Menschheit ansehen. Wie sie ihren Stämmen nach grundverschieden waren, so waren sie auch in den verschiedenen Zeiten ihrer Entwicklung nicht immer dieselben. Es besteht gewiß ein großer Unterschied zwischen den Menschen Homers und denen der späteren Zeit. Aber das ist wohl zuzugeben, daß, wenn auch das Griechische und das Menschliche nicht sich deckende Begriffe sind, wenn auch der Grieche nicht der Mensch an sich, der Typus der Menschheit oder der Ideal- mensch ist, der Mensch doch dem reinen Menschentum nirgend und niemals näher gekommen ist, als in Hellas. In der Literatur keines Volkes finden wir so wahre, so natürliche Menschen wie in der griechischen. Freude und gesunde Sinnlichkeit, Lebenslust und Lebenskraft, Kußerungen menschlicher Empfindungen in Glück und Leid finden wir nirgend natürlicher und wahrer ausgedrückt als bei ihren Dichtern und Künstlern. Wenn also auch die homerischen Menschen von denen des Sophokles in mancher Hinsicht verschieden sind, wahr und unver- fälscht spricht die gesunde Natur bei beiden zu unserem Herzen. Die Kultur, die uns so viel Gutes gebracht hat, sie hat uns von der Natur entfernt und den Menschen immer mehr und mehr entmenscht. Daher ist es kein Wunder, wenn Goethe sich die Griechen zum Muster nahm, die noch reine, natürliche, unverfälschte Menschen waren. Wenn er von seiner Iphigenie die bekannten Worte sagt:Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Mensch- lichkeit, und wenn er seinen Personen in Hermann und Dorothea nachrühmt:Deutschen selber führ' ich euch zu in die stillere Wohnung, Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht, so hat er nach unserer Ansicht dieses Menschlichkeitsideal, das er bei den Griechen gefunden hat und das wir heute noch als ein wahres und richtiges verkennen, im Sinne. Das hat er in seinen Dichtungen nachahmen wollen, und es ist ihm dies hier und da herrlich gelungen. Auch Schiller rühmt ihm nach, er hätte unszur Wahrheit und Natur zurückgeführt. ¹)

Was die zweite Frage anlangt, ob der Schönheitsbegriff, den sich Goethe von der Kunst der Griechen gebildet hat, der richtige ist, so ist zu sagen, wir sehen heute nicht mehr wie Winckelmann, Lessing, W. v. Humboldt und Goethe das Ziel der griechischen Kunst einseitig im Schönen, sondern im Wahren, Natürlichen, Wirklichen. Die Zeit des einseitigen Schönheitskults ist vorüber. Unendlich viele Kunstwerke, die seit Winckelmanns Zeit auf- gefunden sind, zeigen aufs deutlichste, daß die Kunst der Griechen nicht ausschließlich auf das Schöne gerichtet war. Und was ist denn überhaupt das Schöne? Wer möchte das ent- scheiden? Selbst Winckelmann vermochte nicht, es zu sagen. Er hat zwar als Charakteristikum der griechischen Kunstwerkeeine edle Einfalt und stille Größe gesetzt, aber dies paßt durchaus nicht auf alle Werke der griechischen Malerei und der griechischen Plastik. Es gab auch in Griechenland verschiedene Richtungen in der Kunst, einen verschiedenen Geschmack und auch schlechte Erzeugnisse in der Kunst. Wie sollte es also einen feststehenden Begriff des Schönen gegeben haben? Wer sollte entscheiden, welches die wahre Schönheit ist, die nachgeahmt werden muß? Welches ist der richtige Geschmack? Auch die Griechen hatten einen Realismus und einen Naturalismus in der Kunst. Für Goethe war diese Richtung wenigsten in seinem Alter nicht vorhanden, und wenn ihm, wie ich oben gezeigt habe, z. B. die Karikatur im Grund seiner Seele verhaßt war und wenn er meint, daß sie bei den Griechen gar nicht vor-

¹) An Goethe, als er den Mahomet v. Voltaire auf d. Bühne brachte.