Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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Bei keinem unserer Klassiker tritt aber so deutlich wie bei Goethe die charakteristische Eigenart hervor und zwar sein ganzes Leben lang, vom Prometheus an bis zur Helenatragödie, selbst eigene Erlebnisse und Empfindungen in antikem Gewande darzustellen.

Oft wird nun gesagt, Goethe und Schiller hätten nur wenig Griechisch verstanden und wären trotzdem féine Kenner des Griechentums gewesen, man brauche also die griechische Sprache nicht zu lernen. Darauf ist zu erwidern, daß erstens beide doch mehr griechisch verstanden haben, als man gewöhnlich annimmt, und zweitens, daß man nicht von gewöhnlichen Sterblichen verlangen kann, was die großen Genien fertig gebracht haben. Jedenfalls sind sie nicht müde geworden, aus dem Borne der Antike zu schöpfen und haben dadurch ihren Werken Leben und Jugend eingehaucht. Dieses Ewigwahre, Wirkliche, Natürliche, Mensch- liche, das Goethe immer wieder zum Altertum hinzog, das möge auch ferner als Haupt- bildungsfaktor unserer Jugend wie der Menschheit erhalten bleiben! Die Kulturmacht der Antike darf nicht verloren gehen. Die Griechen sind das einzige Volk, das Werke geschaffen hat, die noch heute für das höchste gelten, was die Welt gesehen hat, die heute noch so lebendig sind, wie zu der Zeit ihres Erscheinens. Die Venus von Milo entzückt noch heute unser Auge. Homer und die Werke der griechischen Tragiker üben noch heute denselben Zauber auf uns aus, den sie vor zweitausend Jahren hervorbrachten. Sie gelten immer noch für die herrlichsten Meisterwerke, die der menschliche Geist erschaffen hat.

So wollen wir denn auch unsere Jugend fort und fort zu dieser Quelle der Bildung hinführen und auch hierin Goethe folgen, der sagt:Wenn unser Schulunterricht immer auf das Alterthum hinweist, das Studium der griechischen und lateinischen Sprache fördert, so können wir uns Glück wünschen, daß diese zu einer höheren Kultur so nötigen Studien niemals rückgängig werden. Denn wenn wir uns dem Alterthum gegenüberstellen und es ernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden.¹) Und an einer anderen Stelle: ²)Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis der höheren Bildung bleiben! Goethe dachte wie Luther, wenn er sagt:

Das mußt Du als ein Knabe leiden, Daß Dich die Schule tüchtig reckt.

Die alten Sprachen sind die Scheiden Darin das Messer des Geistes steckt.)

Wir wollen unsere Untersuchungen nicht schließen, ohne die Fragen berührt zu haben, die in letzter Zeit immer lauter und lauter gestellt worden sind: 1. Haben die Griechen das Ideal der Menschlichkeit, das Goethe in ihnen gesehen hat, wirklich besessen? 2. Ist der Schönheitsbegriff, den Goethe in der Kunst der Griechen gefunden hat, der richtige? 3. ISt Goethes Ansicht von der bildenden Kraft des klassischen Altertums für unsere Zeit auch heute noch zu billigen?

In allen drei Fragen sind Goethe viele Gegner erstanden. Ich möchte aber behaupten, datz er, wenn er auch in seiner Vorliebe für das Griechentum hier und da zu weit gegangen ist, ex doch in allen drei Fragen im wesentlichen das Rechte getroffen hat.

¹) Aus Makariens Archiv, W. 42, 2 S. 190. ²) Ebendaher W. 42, 2 S. 201. ³) W. 5, 1. Zahme Xenien VIII S. 117.