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Schlusswort.
Unsere Untersuchungen haben gezeigt, daß Goethe das, was er geworden ist und was er Großes und Schönes geleistet hat, zum größten Teil den Alten verdankt, daß er den hohen Bildungswert des klassischen Altertums stets anerkannt hat und sich stets bewußt gewesen ist, daß die Griechen seine Lehrer und unerreichte Muster sind. Ihm war es ein Glaubens- satz, daß bei keinem Volke der Erde das echt Menschliche in der Literatur wie in der bildenden Kunst so wahr, so schön, so rein zur Darstellung gekommen ist, wie bei den Griechen. Ja er sah wie Winckelmann in der griechischen Poesie wie in der griechischen Kunst das ewige Vorbild für alle Zeiten.
Schon in früher Jugend, als er das Altertum noch nicht kannte, fühlte er sich durch eine gewisse innere Verwandtschaft zu ihm hingezogen. Wohin hätte sich die treibende Kraft seines Innern, das Natürlichkeit und Wahrheit suchte, anders wenden sollen als zu den Griechen? Wie jedes Genie konnte er nur von dem Natürlichen und Wahren angezogen werden. Deshalb begeisterte ihn schon früh die Antike und zog ihn mächtig an, wie mit Naturnotwendigkeit der Magnet das Eisen. Die damalige deutsche Literatur konnte ihm das nicht geben und ebensowenig die Unnatur und starre Regelmäßigkeit der französischen. Seine naive Natur sah instinktiv in den Griechen das erfüllt und verwirklicht, wonach er sich sehnte.
Je älter Goethe wurde und je genauer er das Altertum kennen lernte, desto inniger fühlte er sich zu ihm hingezogen und mit ihm verwandt. Goethe ist, wie jeder Mensch, dem ein langes Leben beschieden ist, in der großen Reihe seiner Lebensjahre nicht immer derselbe gewesen, in wichtigen Fragen ist er sogar später ein ganz anderer geworden, hinsichtlich seiner Verehrung der Alten ist er aber stets derselbe geblieben.
Natürlich war die Antike nicht der einzige Kulturfaktor, der auf Goethe wirkte. Er sagt selbst einmal in einem Gespräche mit Eckermann: ¹)„Unsere Entwickelung verdanken wir tausend Einwirkungen einer großen Welt, aus der wir uns aneignen, was wir können und was uns gemäß ist. Ich verdanke den Griechen und Franzosen viel, ich bin Shakespeare, Sterne und Goldsmith Unendliches schuldig geblieben. Allein damit sind die Quellen meiner Cultur nicht nachgewiesen; es würde ins Grenzenlose gehen. Die Hauptsache ist, daß man eine Seele habe, die das Wahre liebt und es aufnimmt, wo sie es finde.“
Daß Goethe sich so früh dem Studium der Alten hingab, ist allerdings auch aus seiner Zeit zu erklären. Die Franzosen waren in ihrer klassischen Epoche ganz den Spuren der Griechen gefolgt, und auch in Deutschland ist die zweite Blüteperiode unserer Literatur gan⸗ von dem Geiste der Antike durchtränkt. Nicht nur Herder, Goethe und Schiller, sondern auch Klopstock, Lessing und Wieland waren begeisterte Verehrer des klassischen Altertums. Bei Goethe ist die Anlehnung an dieses in seinen Werken deshalb auf den ersten Blick oft nicht so erkennbar, wie bei den anderen Heroen unserer deutschen Literatur, weil er es am besten verstanden hat, dem deutschen Gemüt und der deutschen Volksseele treu zu bleiben und doch der deutschen Sprache den griechischen Geist einzuflößen. Daß es dieser antike Geist ist, der unsere deutsche Sprache so schön gestaltet hat, sagt er in den bekannten Xenien: ²)
„Todte Sprachen nennt ihr die Sprache des Flaccus und Pindar, Und von beiden nur kommt, was in der unsrigen lebt.“
¹) d. 16. Dez. 1828(b. Biederm. VI S. 359). ¹) W. 5, 1. S. 313 Tabulae votivae.


