Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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er Leid und Freude mit ihr empfunden habe und noch empfände. Er hatte den Wunsch, diese Dichtung nicht nur für Berlin, sondern für das ganze Vaterland, nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft unternommen zu haben. ¹) Am 30. März 1815 wurde das Stück zu Ehren der Einnahme von Paris aufgeführt. An Knebel schrieb er: ²) Es sollte symbolisch darstellen, daß die Deutschenviele Jahre das Unerträgliche geduldet, sich sodann aber auf eine herrliche Weise von diesen Leiden befreyt haben. Jedermann wird hinzufügen, daß neue Thatkraft nöthig ist, um das Errungene zu schützen und zu erhalten. Iffland, der Leiter der Bühnen in Berlin, nahm das Stück mit Begeisterung auf. Es ist mit Musik und reicher szenischer Ausstattung versehen mehrmals in Berlin und in Weimar mit großem Erfolge aufgeführt worden.

Die letzte Dichtung, in der es Goethe gelang, eigene und moderne Empfindungen und Bestrebungen in ein antikes Gewand zu kleiden, ist die Helena-Tragödie im zweiten Teile des Faust. Was Goethe in dieser Dichtung darstellen wollte, hat er deutlich in einigen Briefen ausgesprochen. Die meisten Erklärer des Faust erkennen den Schlüssel zu diesem tiefsinnigen Werk in dem, was Goethe in einem Briefe an Boisserée ³) die Achse nennt, auf der sich das ganze Stück dreht, nämlich den deutschen Faust mit der griechischen Helena zu vermählen und so eine Vereinigung deutschen Geistes und griechischer Schönheit symbolisch darzustellen.) An Iken schreibt er:)Ich zweifelte nie, daß die Leser, für die ich eigentlich schrieb, den Hauptsinn dieser Darstellung sogleich fassen würden. Es ist Zeit, daß der leidenschaftliche Zwiespalt zwischen Classikern und Romantikern sich endlich versöhne. Er fährt fort, wir müßten uns an guten Mustern bilden. Der antiken Literatur verdankten wir die Befreiung aus mönchischer Barbarei im 15. und 16. Jahrhundert. In solcher Hoffnung hätte er seine Helena gedichtet. Eine Vereinigung der klassischen und romantischen Kunst sollte dargestellt werden. Helena repräsentiert die Antike, Faust die Romantik. Wie Faust mit innigster Liebe Helena umfaßt und diese von dem Reiz seines Geistes unwiderstehlich angezogen wird, so soll sich die moderne Richtung mit der antiken, um zur höchsten Kunstvollendung zu gelangen, aufs innigste verbinden. So hat Goethe in dieser seiner letzten Dichtung seiner Begeisterung für das klassische Altertum in Helenas Person das herrlichste Denkmal gesetzt.

Wir schließen unsere Untersuchungen mit den Worten Goethes aus dem schon ge- nannten Briefe an Zahn, in dem er wenige Tage vor seinem Tode schreibt,) daß es ihm in seinen hohen Jahren ein befriedigendes Gefühl sei, zu sehen, daß das, was er geleistet habe, gebilligt werde und daß Jüngere empfinden, daß der Weg, auf dem er unverrückt gewandelt, auch derjenige sei, den sie wandeln wollten. Er sei stets aufmerksam auf diejenigen Punkte der Welt-, Kunst- und Kulturgeschichte gewesen, wo er sich immer mehr vergewissern konnte, hier sei eine hohe, wahre, menschliche Bildung zu gewinnen.

Selbstverständlich glaubt der Verfasser nicht die Briefe Goethes erschöpft zu haben. Aus ihnen, wie aus den Tagebüchern, Gesprächen und sonstigen Quellen, die dank der Goethe- Forschung immer reiner und ergiebiger fließen, ist noch manches Gold zu holen, das unseren großen Dichter in immer hellerem Glanze erstrahlen lassen wird.

¹) An C. Liebich d. 7. Juli 1814. ¹²) d. 5. April 1815.*) d. 19. Jan. 1827. ¹) s. E. Schmidts Aus- gabe d. Faust i. d. Jubil.-Ausgabe.) d. 27. Sept. 1827.) d. 10. März 1832.