Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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sei ihm Euripides noch viel größer erschienen. Den ganzen Winter wolle er nicht von ihm ablassen. Dieses letzte Urteil Goethes über das klassische Altertum stimmt mit einer Tage- buchnotiz überein, wo es heißt: Haben denn alle Nationen seit ihm einen Dramatiker gehabt, der nur wert wäre, ihm die Pantoffel zu reichen?¹) Diesem begeisterten Lobe, das Goethe hier wie an anderen Stellen dem Euripides spendet, stimmen wir heute nicht mehr bei. Nach unserer Auffassung sind viele seiner Dramen zu rhetorisch, auch fehlt vielen die innere Harmonie.

Wir haben noch kurz die Werke Goethes nach Schillers Tode zu besprechen, in denen die Einführung antiker Masken, antiker Versmaße, wie des Trimeters, besonders aber der Stoff selbst auf das Altertum hinweisen, Pandora, des Epimenides Erwachen und die Helena-Tragödie in zweiten Teil des Faust. Sie sind alle drei viel umstrittene Dichtungen, sowohl was ihren Wert als was ihre Deutung anlangt. Von der Pandora hören wir zuerst im Jahre 1808. In Briefen an seine Gattin, an Riemer, Knebel und Sartorius wird sie erwähnt, und oft in einer Weise, die nicht darauf schließen läßt, daß Goethe selbst auf dieses Werk sehr stolz war. Er nennt sie zwar in diesen Briefen ein herrliches Kind und eine liebe Tochter,²) er spricht aber auch in ihnen vondem Pandorischen Wesen und Unwesen,*) nennt sieein wunderliches Drama) und sogarein abstruses Werkchen.¹) Trotzdem haben hervorragende Goetheforscher, wie Scherer, E. Schmidt, Morris, Wilamowitz- Möllendorf vieles zu ihrem Ruhme gesagt. In den Tag- und Jahresheften) schreibt Goethe, daßPandora das schmerzliche Gefühl der Entbehrung ausdrücke. So recht trifft das nicht zu. Das Werk gibt eine Lösung des Prometheusproblems. Er wollte die Versöhnung der Menschheit mit den Göttern auf dem Wege des Fortschritts zur wahren Humanität dar- stellen. Die durch des Prometheus Titanentrotz in die Welt gekommene Disharmonie soll Epimetheus zusammen mit Pandora in Harmonie auflösen. Die Errungenschaften der Kultur schienen Goethe zu Anfang des 19. Jahrhunderts gefährdet. Um diese Güter zu sichern, wollte er zeigen, wie sie in die Welt gekommen sind. Goethe liebte es in seinem Alter, und er ist oft deshalb getadelt worden, seine Empfindungen und Gedanken symbolisch, alle- gorisch oder auf eine sonstige verschleierte Art darzustellen. Stets knüpfte er dabei an das Altertum an. Wir haben dies noch in zwei Dichtungen seines Alters zu zeigen.

Wohl keine Dichtung Goethes ist so ungünstig beurteilt worden, wie des Epimenides Erwachen. Sagt doch Hettner?) geradezu:Epimenides hätte die Zeitgenossen aufs tiefste verletzt und sei noch heute jedem warmen Vaterlandsfreunde ein Argernis. Auch Gervinus äußert sich ähnlich.) Die Veranlassung zu diesem Werk war folgende: Als die verbündeten Heere in Paris eingezogen, Napoleon auf der Insel Elba verbannt und alles des schwer erkauften Sieges froh war, sollte Goethe ein Vorspiel zur Feier der Rückkehr des Königs dichten. Goethe lehnte diesen Auftrag, so ehrenvoll er war, zunächst ab, sagte aber nach zwei Tagen zu und stellte die Dichtung in wenigen Wochen fertig. Die antike Fabel vom Schlaf und dem Erwachen des Epimenides war ihm vor den Geist getreten und sie schien ihm symbolisch auszusprechen, was er empfand. Das Erwachen neuen Lebens in Deutschland sollte die Dichtung feiern. An Iflland schrieb er: ²)er wollte der Nation ausdrücken, wie

¹) d. 22. Nov. 1831. ²) An Knebel d. 3. Mai 1808. ³) An Riemer d. 29. April 1808.) An Sartorius d. 19. Juli 1810.*) An Sara v. Grotthuß d. 17. April 1811.) W. 36 S. 26 28.*) Geschichte d. d. Lit. III, 2. S. 517 u. 518. ³) Geschichte d. d. Dicht. V. S. 792.*) d. 15. Juni 1814.