38
durch Vitruv der älteren Architektur zu nähern, jedesmal mißlungen seien. Sein Weg hätte ihn an der römischen Architektur vorbei zur griechischen geführt, die er immer wie eine fremde erhabene Feenwelt betrachtet habe. Als Ternite ihm einige Zahnsche Bilder aus Pompeji geschickt hatte, schrieb er an Zelter: ¹)„Hier nun das Wundersamste des Alterthums, dem der sehen kann, mit Augen zu sehen; die Gesundheit nämlich des Moments und was diese werth ist. Denn diese, durch das gräulichste Ereigniß verschütteten Bilder sind, nach beynahe 2000 Jahren, noch eben so frisch, tüchtig und wohlhäbig als im Augenblick des Glücks und Behaglichkeit, der ihrer furchtbaren Einhüllung voranging. Würde gefragt was sie vor- stellen? so wäre man vielleicht in Verlegenheit zu antworten; einsweilen möchte ich sagen: diese Gestalten geben uns das Gefühl: der Augenblick müsse prägnant und sich selbst genug seyn um ein würdiger Einschnitt in Zeit und Ewigkeit zu werden.“— Als in Pompeji die Ausgrabungen fortschritten und immer neue Wunder den Augen der erstaunten Welt gezeigt wurden, erhielt ein besonders schönes Haus, das in Gegenwart von Goethes Sohn August freigelegt worden war, den Namen Casa di Goethe. In diesem wurde i. J. 1831 der berühmte Mosaikfußboden ausgegraben, der die Alexanderschlacht darstellt. In heller Begeisterung schrieb er da, wenige Tage vor seinem Tode ²) an den Herausgeber der Pompejanischen Ornamente, W. Zahn, einen sehr langen Brief, ³) in dem es unter anderem lautet:„Mitwelt und Nachwelt werden nicht hinreichen, solches Wunder der Kunst würdig zu commentiren, und wir werden genöthigt seyn, nach aufklärender Betrachtung und Untersuchung immer wieder zur einfachen reinen Bewunderung zurückzukehren.“ Als er in den Zahnschen Abbildungen die Opferung der Iphigenie und Herkules von einem Genius geführt, lange betrachtet hatte, versank er in stille Andacht und brach dann in die Worte aus: ⁴¹)„Ja, die Alten sind auf jedem Gebiete der heiligen Kunst unerreichbar! Ich glaube auch etwas geleistet zu haben, aber gegen einen der großen attischen Dichter, wie Aeschylos und Sophokles bin ich doch gar nichts.“—
Es ist rührend zu sehen, wie der schon Zweiundachtzigjährige noch immer am Alter- tum hängt und im Verlangen nach ruhigem Genuß und steter Belehrung zu seinen Schätzen greift. An Zelter schreibt er,) er hätte an einem stillen Abende Ciceros Werk de Senectute vorgenommen und er hätte es allerliebst gefunden. Am Schlusse dieses Briefes sagt er von sich selbst„Ich lerne immer fort, nur daran merke ich daß ich älter werde.“ Dies in Anschluß an Solons bekanntes Wort οσινιόν⁷ο 5αee ανυꝛ ⁸μιναανενο. An denselben schreibt er: ⁶) „Ottilie(seine Schwiegertochter) lies't mir die Abende die Leben(Bio παπνοανκννο) Plutarchs vor und zwar auf neue Weise, nämlich erst die Griechen; da bleibt man denn doch in einem Local, bey einer Nation, einer Denkens- und Bestrebungsweise. Sind wir damit durch, so wird es an die Römer kommen, und auch diese Serie durchgeführt. Die Vergleichungen lassen wir weg und erwarten von dem reinen Eindruck wie sich das Ganze zum Ganzen vergleicht.“ So war er bis ins späteste Alter bemüht, aus dem erfrischenden Quell der klassischen Literatur zu schöpfen und sich das seiner Natur Zusagende anzueignen.
Das letzte Urteil Goethes über das klassische Altertum findet sich in einem Briefe an Zelter.*) Hier sagt er, daß er durch G. Hermanns Ausgabe der Iphigenie auf Aulis des Euripides wieder auf diesen unschätzbaren griechischen Dichter hingewiesen worden sei. Sein großes und einziges Talent hätte stets seine Bewunderung erregt, aber durch diese Ausgabe
¹) d. 19. Okt. 1829. ¹²) d. 10. März 1832. 5) d. 10. März 1832. ⁴) Gespr. m. Zahn d. 8. Sept. 1827, bei Biedermann VI S. 206. ¹) d. 17. Sept. 1831. ⁹) d. 5. Okt. 1831.*) d. 23. Nov. 1831.


