Aufsatz 
Goethes Verhältnis zum klassischen Altertum, mit besonderer Berücksichtigung seiner Briefe / von Paul Primer
Entstehung
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auslegt, mag sichs haben.Zum Scherz und berfluß latz mich, in Gefolg des Vorigen, erwähnen: daß ich, in meinen Wahlverwandtschaften, die innige wahre Katharsis so rein und vollkommen als möglich abzuschließen bemüht war; deshalb bild ich mir aber nicht ein, irgend ein hübscher Mann könne dadurch von dem Gelüst nach eines andern Weib zu blicken gereinigt werden. Das sechste Gebot, welches, schon in der Wüste, dem Elohim-Jehova so nöthig schien, daß er es, mit eigenen Fingern, in Granittafeln einschnitt, wird in unsern löschpapiernen Kathechismen immerfort aufrecht zu halten nöthig seyn. Der Schluß dieses Briefes zeigt Goethes Ansicht in dieser Frage noch deutlicher. Er fährt fort.Verzeihung dieses! Denn die Sache ist von so großer Bedeutung, daß Freunde sich immer darüber berathen sollten; ja ich füge Folgendes hinzu: es ist ein gränzenloses Verdienst unsres alten Kant um die Welt, und ich darf sagen um mich, daß er, in seiner Kritik der Urtheilskraft, Kunst und Natur kräftig nebeneinander stellt und beiden das Recht zugesteht: aus großen Principien zweck- los zu handeln. So hatte mich Spinoza früher schon in dem Haß gegen die absurden End- ursachen gegläubiget. Natur und Kunst sind zu groß um auf Zwecke auszugehen, und habens auch nicht nöthig, denn Bezüge gibt's überall und Bezüge sind das Leben.

Zum letztenmal äußert sich Goethe über die Tragödie und die Katharsisfrage noch ein halbes Jahr vor seinem Tode.*, Er schreibt:Was die Tragödie betrifft, ist es ein kitz- licher Punct. Ich bin nicht zum tragischen Dichter geboren, da meine Natur conciliant ist; daher kann der rein-tragische Fall mich nicht interessiren, welcher eigentlich von Haus aus unversöhnlich seyn muß, und in dieser übrigens so äußerst platten Welt kommt mir das Unver- söhnliche ganz absurd vor.

In den Briefen aus den letzten Jahren findet sich noch manches treffliche Wort über das klassische Altertum, aus dem man auch sehen kann, daß er sich bis ins höchste Greisen- alter am liebsten mit ihm beschäftigt hat. An W. v. Humboldt schrieb er ²) in diesem Sinne: Ich fühle mich in jene Zeiten zurückgeführt, wo wir uns zu einer ernsten gemeinsamen Bildung verpflichtet fühlten, wo wir, mit unserm großen edlen Freund verbunden er meint Schiller dem faßlich Wahren nachstrebten, das Schönste und Herrlichste, was die Welt uns darbot, zu Auferbauung unsres willigen sehnsüchtigen Innern, zu Ausfüllung einer stoff- und gehaltbedürftigen Brust, auf das treulichste und fleißigste zu gewinnen suchten.

Als zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die vom Vesuv i. J. 79 nach Chr. Geb. verschütteten Städte Pompeji, Herkulanum und Stabiae wieder ausgegraben und die zutage geförderten Gemälde von W. Zahn in einem prachtvollen Werke abgebildet herausgegeben wurden, brachte Goethe diesem das wärmste Interesse entgegen. An Zelter schrieb er: ³) die bildende Kunst, besonders die plastische fahre fort, ihn glücklich zu machen. Die Ab- bildungen der Stoschischen Sammlung unterhielten ihn aufs beste. Dann heißt es:Die nähere Bekanntschaft mit Zahn und seinen Arbeiten wird dir gewiß heilsam und ersprieslich seyn; ich für meine Person bin in dem Falle, daß mich das Anschauen des Alterthums in jedem seiner Reste in den Zustand versetzt, worin ich fühle ein Mensch zu seyn.

Daß er die Bauwerke der Griechen höher geschätzt hat, als die der Römer, sehen wir aus einem Briefe an Chr. L. Fr. Schulz,) in dem er schreibt, daß ihm die Versuche, sich

¹) in d. Briefe an Zelter v. 31. Okt. 1831.*²) d. 19. Okt. 1830. ²) d. 6. Nov. 1827. ¹⁴) d. 10. Jan. 1829.