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als Student in Leipzig hatte Goethe die Poetik des Aristoteles aufgeschlagen und zwar in der Ubersetzung von Curtius, ohne, wie er an Schiller schreibt,¹) von dem Sinne des Werkes etwas zu begreifen. Mit diesem selbst hat er sie dann zehn Jahre lang aufs gründlichste studiert, und noch im späten Alter kam er mehrfach auf sie zurück. Durch Wolf hatte er dazu neue Anregung empfangen. In mehreren Briefen an Zelter berührt er diese Frage. So schreibt er ihm: ²)„Die Tragödie Samson von Milton hab ich im vergangenen Sommer gelesen und nicht genugsam bewundern können. Ich wüßte kein Werk anzuführen das den Sinn und die Weise der alten griechischen Tragödie so annähernd ausdrückte und, sowohl in Anlage als Ausführung, eine gleiche Anerkennung verdiente.“ Am Schlusse des Briefes schreibt er, daß v. Raumer bei seiner Auffassung der Aristotelischen Katharsis, der sie„als von der Wirkung auf's Publicum zu verstehen deutet“, beharrt, daß er selbst aber bei seiner Uber- zeugung bleibe. Und welches ist seine Uberzeugung? Goethe behauptet, daß die Tragõdie „nach einem Verlauf von Mitleid und Furcht mit Ausgleichung solcher Leidenschaften ihr Beschäft abschließt“. Aristoteles verstehe darunter diese aussöhnende Abrundung. Eine Sühnung, eine Lösung sei zum Abschluß unerläßlich. Während also Raumer wie Lessing an eine Läuterung des Zuschauers denkt, betrachtet Goethe die 2⁴αφρσεςα als etwas vorüber- gehendes im Gemüte des Zuschauers, das ihn mit Versöhnung und Befriedigung erfüllt. Er nähert sich mit dieser Auffassung der Erklärung, die Bernays gegeben hat. Während dieser aber in der Katharsis eine durch Erregung von Mitleid und Furcht bewirkte Entladung von eben diesen Affekten erblickt, dehnt Goethe diese Wirkung auf die ganze Poesie aus und sieht von einer beabsichtigten Wirkung auf den Leser oder Zuschauer ganz ab. Von einer Einwirkung der Kunst auf die Moral wollte Goethe überhaupt nichts wissen. Der moralische Endzweck der Kunst, wie ihn die französischen Klassiker, vor allem Corneille und auch Lessing) forderten, war Goethe von jeher ein Greuel gewesen. So schrieb er empört an Meyer ¹⁴) von der„alten halbwahren Philisterleyer: daß die Künste das Sittengesetz anerkennen und sich ihm unterordnen sollen. Das erste haben sie immer gethan und müssen es thun, weil ihre Gesetze so gut als das Sittengesetz aus der Vernunft entspringen, thäten sie aber das zweyte, so wären sie verloren und es ware besser, daß man ihnen gleich einen Mühlstein um den Hals hinge und sie ersäufte, als daß man sie nach und nach ins nützlich-platte ab- sterben ließe.“ An einer andern Stelle äußert er sich:*)„Ein gutes Kunstwerk kann und wird zwar moralische Folgen haben, aber moralische Zwecke vom Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben.“„Die Musik, so wenig als irgend eine Kunst, vermag auf Moralität zu wirken. Philosophie und Religion vermögen das allein.“ ³) In dieser Frage schreibt noch der Achtzigjährige in demselben Sinn an Zelter:*) Es handele sich dabei nicht um einen einzelnen Fall, über den gestritten wird, sondern„es stehen zwey Partheyen gegen einander, zwey Vorstellungsarten, die sich im Einzelnen bestreiten, weil sie sich im Ganzen beseitigen möchten. Wir kämpfen für die Vollkommenheit eines Kunstwerkes, in und an sich selbst, jene denken an dessen Wirkung nach außen, um welche sich der wahre Künstler garnicht be- kümmert, so wenig als die Natur, wenn sie einen Löwen oder einen Colibri hervorbringt. Trügen wir unsere Uberzeugung auch nur in den Aristoteles hinein, so hätten wir schon recht, denn sie wäre ja auch ohne ihn vollkommen richtig und probat; wer die Stelle anders
¹) d. 6. Mai 1797. ²) Am Sylvester-Abend 1829. ³⁹) Hamb. Dram. Stück 77.*) d. 20. Juni 1796. ³) W. 28 S. 148. ⁶) W. 41„ S. 250.) d. 29. Jan. 1830.


